May, die dritte Frau

Mit ihrem Kinodebüt „May, die dritte Frau“ ist der zeitweise in den USA lebenden Vietnamesin Ash Mayfair ein echtes Kleinod gelungen, weil sie sich sehr stimmig auf den Kern filmischer Inszenierung besinnt: auf Bilder, Töne und die Montage. So oszilliert ihr Drama über Konventionen und Zwänge im vietnamesischen Hinterland zwischen unaufgeregtem Zeigemodus und sinnlicher Poesie. Weltpremiere feierte der feinfühlig-doppelbödige Historienfilm 2018 beim Filmfestival in Toronto.

Website: https://jip-film.de/may-die-dritte-frau/

OT: Nguoi Vo Ba
Vietnam 2018
Drehbuch & Regie: Ash Mayfair
Darsteller/innen: Nguyen Phuong Tra My, Mai Thu Huong Maya, Tran Nu Yên-Khê, Le Vu Long, Hong Chuong Nguyen, Nhu Quynh Nguyen
Laufzeit: 94 Min.
Verleih: jip film & verleih
Kinostart: Herbst 2020

 

FILMKRITIK:

Im Vietnam des ausgehenden 19. Jahrhunderts heiratet die 14-jährige May den alten Großgrundbesitzer Hung. Die arrangierte Ehe soll Mays Status verbessern und Hung einen weiteren Erben bescheren. May ist bereits die dritte Frau des Patriarchen, aus den Verbindungen mit Xuan und Ha gingen drei Töchter und ein Sohn hervor. Beim Ausfüllen ihrer neuen Rolle wird die junge May von den älteren Ehefrauen unterstützt, wobei sich unter dem Normenkorsett unausgesprochene Machtverhältnisse und Begehrlichkeiten auftun.

Ash Mayfair zeigt die Strukturen im ländlichen Vietnam aus weiblicher Perspektive, ohne sich moralisch über die zeithistorischen Umstände zu erheben. May akzeptiert ihre lieblose Verheiratung und das soziale Gefüge auf dem feudalem Anwesen. Das Gesellschaftsporträt wertet nicht, sondern beobachtet die oft unterschwelligen Auswirkungen der Traditionen auf Einzelne. Allen voran May, die ein halbes Kind ist und Nachwuchs gebären soll, um das System zu erhalten.

Anstelle einer klassischen Handlung inszeniert Ash Mayfair eine filmische Reflexion. Eine wesentliche Rolle spielt die Natur, die in impressionistischen Bildern und Tönen omnipräsent ist. Die Kamerafrau Chananun Chotrungroj taucht in Bambushaine, spielt mit Unschärfen, rückt nah an Seerosen und Wasserläufe heran, und immer wieder an die symbolträchtigen Seidenraupen, die Mays Frauwerdung untermalen.

Dass wir die lokalen Ausläufer gesellschaftlicher Veränderung miterleben, ergibt sich nicht nur aus der historischen Rückschau, sondern auch aus der Filmsprache selbst. Ein blaugrauer Schleier umhüllt den Dschungel, der Blick durch aufgespannte Seidentücher bleibt schemenhaft, dazu das gedämpfte Licht der Lampions und melancholische Flötenmusik. Vordergründig werden die Regeln befolgt, doch es ächzt und wankt im Gebälk. Auch in der entlegenen Provinz mündet das lange 19. Jahrhundert in eine Zeitenwende.

Christian Horn