Medianeras

„Buenos Aires in den Zeiten der virtuellen Liebe“ heißt es auf dem Filmplakat zu „Medianeras“ und das beschreibt ziemlich gut, worum es in Gustavo Tarettos Film geht: Buenos Aires und die Liebe. Auf vor allem stilistisch sehr originelle Weise beschreibt Tarretto wie ein Mann und eine Frau um die 30, lange nebeneinander her leben, bis sie sich schließlich im Gewusel der Metropole finden.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Argentinien 2011
Regie, Buch: Gustavo Taretto
Darsteller: Pilar López de Ayala, Javier Drolas, Inés Efrón, Carla Peterson, Rafa Ferro, Adrián Navarro
Länge: 115 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 3. Mai 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Martín (Javier Drolas) ist Webdesigner, der an Panikattacken leidet, seit seine Freundin nach Amerika ging und nie zurückkam. Seine Zeit verbringt er vor allem in seinen engen vier Wänden, die mit Krimskrams, Filmpostern und anderen Utensilien voll gestopft sind, die ihn als typischen Vertreter einer Generation ausweisen, die auch mit 30 noch nicht richtig erwachsen geworden ist. Wenn er seine Wohnung mal verlässt, dann nur mit für alle Notfälle ausgerüstetem Rucksack, die seine Spaziergänge durch Buenos Aires fast zu Expeditionen werden lassen.

Direkt gegenüber, ohne das Martín davon ahnt, wohnt Mariana (Pilar López de Ayala), ausgebildete Architektin, nun als Schaufensterdekorateurin arbeitend, die mehr mit ihren Schaufensterpuppen redet als mit wirklichen Menschen. Auch sie hat gerade eine lange Beziehung hinter sich, auch sie lebt einsam in der Großstadtwüste Buenos Aires.
Die argentinische Hauptstadt mit ihren rund 13 Millionen Einwohnern ist die heimliche Hautfigur: Immer wieder wirkt „Medianeras“ wie eine Dokumentation über die Stadt, ihre wuchernde, disparate Architektur, ihren Charakter, den Regisseur Gustavo Tarettos in langen Voice Over-Kommentaren beschreibt, den er seinen Figuren in den Mund legt. Die Metropole dient dabei als Metapher für die Moderne, die gleichzeitig unendlich viele Möglichkeiten bereithält, die aber gerade durch diese unermessliche Auswahl eine Entscheidung so schwierig macht.

In losen Szenen durchleben Martín und Mariana verschiedene Beziehungen, haben One Night Stands und Affären, probieren verschiedene Beziehungsmodelle aus und werden in keinem so richtig glücklich. Dass der Zuschauer vom ersten Moment an weiß, dass diese beiden Menschen füreinander bestimmt sind, ist dem Muster der romantischen Komödie geschuldet. Die Aufgabe des Filmemachers ist nun, dass unausweichliche Zusammentreffen so lange hinauszuzögern, bis der Film Spielfilmlänge erreicht hat. Bei diesem Versuch merkt man „Medianeras“ gerade im letzten Drittel an, das Gustavo Taretto bislang ausschließlich Kurzfilme gedreht hat. Wenn die stilistische Originalität nicht mehr so überrascht wie noch zu Beginn, alle pointierten Beobachtungen über das Leben in der Großstadt gemacht sind, muss der Film ausschließlich von seinen Figuren leben. Und die sind bisweilen hart an der Grenze zur Weinerlichkeit. Immer wieder droht „Medianeras“ zu einem jener zeitgenössischen Filme zu werden, in dem beruflich leidlich erfolgreiche Menschen sich über zunehmend banal anmutende Probleme beklagen und sich wundern, dass man sie auch mit 30 noch nicht für voll nimmt, obwohl sie immer noch Daumenlutschen und mit Sesamstraße-T-Shirt herumlaufen.

Es ist vor allem Gustavo Tarretos durch langjährige Arbeit als Fotograf geschultem Blick für Kleinigkeiten zu verdanken, dass sein erster Spielfilm trotz seiner eher unterentwickelten Dramaturgie sehenswert bleibt. Sein Blick für Details, für kleine, persönliche Momente, die aus dem anonymen Großstadttrubel herausragen, macht „Medianeras“ zu einer originellen Studie über die Einsamkeit des modernen Menschen in einer eigentlich von Menschen und Möglichkeiten überbordenden Metropole.

Michael Meyns