Mediterranea – Refugees welcome?

Ayiva und sein bester Freund Abas wagen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft die Flucht von Afrika aufs europäische Festland. Was sie nicht wissen: in Italien begegnen ihnen alltäglicher Fremdenhass, Ausbeutung und menschenunwürdige Wohnbedingungen. Bald kommt es zum blutigen Aufstand zwischen Flüchtlingen und Einheimischen. Das Flüchtlings-Drama "Mediterranea" könnte aktueller nicht sein und besticht vor allem durch seine nachdrückliche Unmittelbarkeit und den hohen, faszinierenden Realismus. Der Einsatz glaubhaft agierender Laiendarsteller – selbst alle Flüchtlinge oder Migranten – und der Einsatz von Handkamera sind dafür hauptverantwortlich.

Webseite: www.dcmworld.com

Deutschland, Frankreich, Italien, USA 2015
Regie: Jonas Carpignano
Drehbuch: Jonas Carpignano
Darsteller: Koudous Seihon, Alassane Sy, Pio Amato,
Annlisa Pagano
Länge: 110 Minuten
Verleih: DCM Verleih
Kinostart: 15. Oktober 2015

FILMKRITIK:

Ayiva (Koudous Seihon) und Abas (Alassane Sy) leben in Burkina Faso in ärmlichsten Verhältnissen. Insgeheim träumen die Beiden schon länger von einer Flucht nach Europa, nicht zuletzt auch um Geld für die Familien zu verdienen. Es ist vor allem der Gedanke an seine siebenjährige Tochter, die Ayiva eines Tages dazu veranlasst, ein Flüchtlingsboot in eine bessere Zukunft zu besteigen. Abas begleitet ihn, doch bereits die Fahrt über das Mittelmeer ist lebensbedrohlich. Nachdem das völlig überfüllte Boot kentert, erreichen die beiden Männer mit letzter Kraft die italienische Südküste. Dort angekommen, beginnt ein harter Überlebenskampf und die dortige Realität ist weitaus härter, als gedacht: aufgrund der vielen Migranten und der hohen Arbeitslosigkeit ist es schwer, einen Job zu bekommen. Hinzu kommt der grassierende, alltägliche Fremdenhass. Ayiva und Abas wird klar: die goldene Zukunft im reichen Europa könnte nur ein Märchen gewesen sein.

Der erste Spielfilm des italoamerikanischen Regisseurs Jonas Carpignano über den Kampf zweier Flüchtlinge gegen den Alltagsrassismus sowie die Hintergründe eines des schwersten Flüchtlingsaufstandes in der Geschichte Italiens, könnte aktueller freilich nicht sein. Mit "Mediterranea" erzählt der bisher ausschließlich für seine Kurzfilme bekannte Filmemacher die Hintergründe und Vorgeschichte eines Vorfalls im süditalienischen Rosarno, der sich Anfang 2010 ereignete und um die Welt ging: eine blutige Auseinandersetzung zwischen Einwanderern, die in der Region zumeist als unterbezahlte Saisonarbeiter auf den Erntefeldern eingesetzt werden, und Einheimischen. Dutzende Verletzte und die Evakuierung von 5000 Migranten in umliegende Städte waren die Folge. "Mediterranea" erlebte seine Premiere bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes.

Der hohe Grad an Realismus und Authentizität, wodurch sich das intensive Drama auszeichnet, ist vor allem zwei Dingen geschuldet: zu einen dem Einsatz der verwackelten Handkamera, der eine ungeheure Dringlich- und Unmittelbarkeit beim Betrachten hervorruft. "Mediterranea" wirkt daher zu weiten Teilen oft auch fast mehr wie eine Flüchtlings-Dokumentation, da sich die Kamera stets hautnah bei den Beteiligten und inmitten der Ereignisse befindet. Sie ist jederzeit Teil des Geschehens und bildet die Realität direkt und ungefiltert ab. Der zweite Grund: Regisseur Carpignano griff bei der Besetzung auf Laien zurück, selbst alles Flüchtlinge, von denen einige die Ausschreitungen 2010 hautnah miterlebt haben. Ihre Erfahrungen bzgl. Rassismus, Flucht und Vertreibung lassen die Beteiligten ganz direkt in ihr glaubwürdiges und geradliniges Spiel einfließen.

Die Hauptfiguren, allen voran Ayiva, sind gekennzeichnet von einer ungeheuren Kraft, Charakter- und Willensstärke. Trotz aller Demütigungen und Ausbeutungen (die Flüchtlinge arbeiten zumeist 10 bis 12 Stunden für einen Durchschnittstageslohn von 20 Euro auf den Plantagen), frisst Ayiva alles in sich hinein, die Wut, die Trauer und die Sehnsucht nach seiner weit entfernten kleinen Tochter. Einmal jedoch, in einem der kraftvollsten und ehrlichsten Momente des Films, bricht sich die ganze Wut in der schäbigen Unterkunft, in der die Flüchtlinge hausen, Bahn. Die geballte Frustexplosion bekommt dabei kein Menschen sondern ein Tier ab.

Trotz des harten Alltags und der unmenschlichen Lebensbedingungen, ist "Mediterranea" auch immer wieder durchzogen von ausgelassenen und fröhlichen Sequenzen und Momenten sowie Augenblicken des Glücks und der Hoffnung. Dies zeigt sich etwa dann, wenn Ayiva gemeinsam mit seinen Leidensgenossen einen Abend in der örtlichen Disko verbringt oder an der Gastfreundschaft eines Plantagenbesitzers. Dieser äußert an einer Stelle einen Satz, etwas eigentlich völlig naheliegendes und banales, dessen Umsetzung aber die ein oder andere Not vielleicht lindern würde und der die Quintessenz zusammenfasst: "Alle Menschen müssten sich eigentlich nur gegenseitig ein wenig mehr helfen."
 
Björn Schneider