Mein Bester & Ich

Das bereits 2012 angekündigte Hollywood-Remake des ein Jahr zuvor veröffentlichten französischen Überraschungserfolgs „Ziemlich beste Freunde“ feierte seine Weltpremiere im Herbst 2017 beim Filmfestival in Toronto, startet wegen der Missbrauchsdebatte um den Produzenten Harvey Weinstein aber erst jetzt im Kino. Die nur in Nuancen veränderte Handlung der Neuverfilmung von Regisseur Neil Burger („The Illusionist“) wurde von Paris nach New York verlegt. Weil die Chemie zwischen dem neuen Darsteller-Duo Bryan Cranston („Breaking Bad“) und Kevin Hart („Ride Along“) ebenso stimmt wie jene zwischen François Cluzet und Omar Sy, reicht die kompetent inszenierte und für einen Oscar© prädestinierte Neuversion dem Original durchaus das Wasser – und dürfte sich ebenso zum Publikumsliebling aufschwingen.

Webseite: www.MeinBesterUndIch-derFilm.de

OT: The Upside
USA 2017
Regie: Neil Burger
Drehbuch: Jon Hartmere nach dem Originaldrehbuch „Les Intouchables“ von Éric Toledano und Olivier Nakache
Darsteller/innen: Kevin Hart, Bryan Cranston, Nicole Kidman, Julianna Margulies, Golshifteh Farahani, Tate Donovan, Aja Naomi King
Laufzeit: 125 Min.
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 21. Februar 2019

FILMKRITIK:

Der oft nachgeahmte französische Erfolgsfilm „Ziemlich beste Freunde“ nach der 2001 erschienenen Autobiografie „Der zweite Atem“ (OT: „Le second souffle“) von Philippe Pozzo di Borgo avancierte zu einem der publikumswirksamsten Arthouse-Hits der letzten Jahre. In Frankreich verbuchte das unverkrampfte Inklusions-Drama fast 20 Millionen, in Deutschland über 9 Millionen Kinogäste, weltweit spielte das mit mehreren Filmpreisen bis zum Golden Globe geehrte Inklusionsdrama rund 426 Millionen US-Dollar ein. Dass bereits im Jahr nach dem Kinostart eine Hollywood-Adaption angekündigt wurde, scheint nur logisch.
 
New York: Der querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzende Milliardär Phillip (Bryan Cranston) sucht zusammen mit seiner Assistentin Yvonne (Nicole Kidman) einen neuen Pfleger. Zu Yvonnes Überraschung fällt Phillips Wahl auf den frisch aus dem Gefängnis entlassenen Afroamerikaner Dell (Kevin Hart), der beim Vorstellungsgespräch in Phillips weitläufigem Penthouse eigentlich nur eine Unterschrift für seinen Bewährungshelfer abholen wollte. Dells lockeres Mundwerk und seine schnodderige Art sprechen den Pflegebedürftigen an. So lockt der etwas andere Pfleger den lebensmüden Querschnittsgelähmten immer mehr aus der Reserve.
 
Aus Philippe wird Phillip, aus Driss wird Dell – sonst ändert sich kaum etwas. Der Drehbuch-Adapteur Jon Hartmere hat nur kleinere Änderungen an der Story vorgenommen, was wenig überrascht, da die Geschichte ja ursprünglich auf einer wahren Begebenheit basiert. Zudem gelten hüben wie drüben dieselben Sozialgrenzen, so dass die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen dem weißen Oberschichtler und dem schwarzen Kleinkriminellen bruchlos von französischen auf amerikanische Verhältnisse übertragbar ist.
 
Wie gehabt lernt der zuvor nur für sich selbst einstehende Dell durch den Kontakt mit Phillip verantwortliches Handeln, wodurch das kaputte Verhältnis zu seiner Exfrau Latrice (Aja Naomi King) und dem gemeinsamen Sohn Anthony (Jahi Di'Allo Winston) aufblüht. Phillip entwickelt seinerseits neuen Lebenswillen und erlebt eine längst verloren geglaubte Unbekümmertheit. Bei einem nächtlichen Spontanausflug mit Dell kifft er, um hinterher massenweise Hotdogs zu verdrücken – ein Moment ausgelassener Freude, der mit einer konventionellen Pflegekraft undenkbar wäre. Szenen wie diese beantworten Dells anfänglich gestellte Frage nach den Gründen für seine unverhoffte Anstellung.
 
Für das Gelingen des Freundschaftsporträts ist das Zusammenspiel der Protagonisten entscheidend. Hier stimmt die Chemie zwischen Bryan Cranston und Kevin Hart ebenso wie jene zwischen François Cluzet und Omar Sy. Der ausgewiesene Charakterdarsteller Cranston, der hier nur mit seiner Mimik und Kopfbewegungen agieren kann, liefert eine erwartungsgemäß eindringliche Performance. Eine Überraschung ist die feine Charakterdarstellung des Comedians Kevin Hart, der sonst vor allem in seichten Komödien auftritt. Mit seiner Rolle in „The Upside“ zeigt Hart, dass er auch dramatische Charaktere verkörpern kann.
 
Die dezente Inszenierung von Neil Burger lenkt das Augenmerk auf das Zusammenspiel der Figuren. Erfreulich ist der zurückhaltende Score von Rob Simonsen („Tully“), der sich nie manipulativ in den Vordergrund drängt. Stattdessen ergeben sich die tragischen und komischen Momente aus den Interaktionen des Ensembles. Humorvolle Szenen wie Dells Überforderung mit einer HiTech-Dusche stehen neben gefühlvollen Momenten wie Dells Wiederannäherung an den Sohn. Die Mischung erzeugt denselben Charme, der bereits die Vorlage auszeichnete.
 
Christian Horn

Die französische Tragikomödie „Ziemlich beste Freunde“ entwickelte sich 2012 zu einem der größten europäischen Kinoerfolge: Der Film über einen unkonventionellen Krankenpfleger, der einem gelähmten Unternehmer neuen Lebensmut einverleibt, spielte 440 Millionen US-Dollar ein und gewann unzählige Filmpreise. Das US-Remake „Mein Bester & ich“ schafft es nun, den Geist des Originals trotz altbekannter Geschichte weitestgehend wiederzubeleben – dank zweier toller Hauptdarsteller, die aus dem Zusammenprall der Kulturen einen charmanten, heiteren Film machen.

Der New Yorker Milliardär Philip Lacasse (Bryan Cranston) ist auf der Suche nach einem neuen Pfleger. Seit einem tragischen Paragliding-Unfall sitzt der Großunternehmer im Rollstuhl. Dutzende Interessenten sprechen für die Stelle vor. Auch Dell Scott (Kevin Hart) schaut im Anwesen von Philip vorbei, nicht aber um für den Job vorzusprechen. Er will sich nur eine Bescheinigung abholen, dass er auf Jobsuche ist. Umso überraschter ist die persönliche Assistentin von Philip, Yvonne (Nicole Kidman), als ihr Chef dem Kleinkriminellen tatsächlich eine Chance geben will. Dell wird von der attraktiven Vergütung angelockt und sagt schließlich zu. Werden die Zwei miteinander auskommen?

Nachdem „Mein Bester & ich“ bereits im Herbst 2017 beim Toronto Filmfest seine Premiere feierte, startet die Tragikomödie nun mit fast einjähriger Verspätung hierzulande in den Kinos. Die Verzögerung entstand durch den Skandal um den amerikanischen Filmmogul Harvey Weinstein. Dessen Firma, die 2018 in die Insolvenz ging, hielt die Rechte an der US-Neuverfilmung.

Würde die Geschichte nicht auf einer wahren Begebenheit beruhen – der hohe Kitschfaktor und die Fülle an Klischees wären vermutlich nur schwer zu ertragen. Reicher, in die Jahre gekommener Mann stellt einen aus sozial schwierigen Verhältnissen stammenden, verarmten Kriminellen ein, der gerade 21 Jahre alt ist als er seine Stelle antritt. Die Gegensätze könnten größer nicht sein, dennoch werden die Beiden recht bald ziemlich beste Freunde. Eine große Stärke des Originals war einst die großartige, stimmige Chemie zwischen Omar Sy und François Cluzet. Die gute Nachricht: Auch „Mein Bester & ich“ profitiert von einem spielfreudigen Hauptdarsteller-Duo, das ganz gut harmoniert.

Bryan Cranston gefällt als würdevolles Mitglied des erhabenen Kreises der Milliardäre. Er ist ein Freund der hohen Künste (Oper, klassische Musik), ein gebildeter, geistreicher Mann. Aus dem tiefen Tal der Depression nach seinem Unfall befreit ihn Dell, den Kevin Hart mit lebensbejahender Attitüde und frechem Mundwerk ausstattet und insgesamt überzeugend verkörpert. Gelungen hält Regisseur Neil Burger („Divergent – Die Bestimmung“) zudem die Balance zwischen melancholischen Untertönen und skurrilem Humor.

Dieser zeigt sich u.a. in den Szenen, in denen Dells bisheriger, einfacher Lebensstil ganz unmittelbar auf den Pomp und die glanzvolle Welt der Superreichen trifft. Denn er zieht sogleich ins Luxus-Anwesen seines neuen Chefs ein. Höhepunkt dieser Konfrontation der unterschiedlichen Lebensrealitäten ist eine umwerfend komische Szene in Philips Hightech-Dusche, die Dell mit all ihrem technischen Schnick-Schnack und modernen Funktionen heillos überfordert.

Alles in allem besteht „Mein Bester & ich“ aus vielen rührenden Momenten, ohne peinlich zu sein. Die Ausnahme bildet lediglich eine Szene beim Anlegen eines Katheters, in der die Grenzen des guten Geschmacks arg strapaziert werden. Darüber hinaus gibt sich Burger durchaus Mühe, sich hier und da vom überlebensgroßen Vorbild abzuheben. So nimmt zum Beispiel Philips Assistentin Yvonne einen recht großen Raum in der Handlung ein. Und im Gegensatz zum Original, in dem Pfleger Driss die Funk- und R’n’B-Band Earth, Wind and Fire bewundert, ist in „Mein Bester & ich“ häufiger Aretha Franklin zu hören. Dell ist ein großer Fan der kürzlich verstorbenen „Queen of Soul“.

Am allerbesten funktioniert „Mein Bester & ich“ wahrscheinlich dennoch, wenn man die Vorlage nicht kennt. Denn natürlich verläuft die Geschichte andernfalls überraschungsarm und vorhersehbar. Zumal Burger gerade die ikonischen Szenen des ersten Films nahezu Eins-zu-Eins übernimmt, etwa die Sequenzen mit der Ohrmassage oder der gemeinsame Gleitschirmflug gegen Ende.

Björn Schneider