Mein Blind Date mit dem Leben

Ein praktisch blinder Mann, der eine Ausbildung zum Hotelier macht und schließlich ein eigenes Restaurant aufmacht. Kaum zu glauben, aber doch wahr (zumindest größtenteils) ist die Geschichte, die Marc Rothemund in „Mein Blind Date mit dem Leben“ erzählt. Arg dick aufgetragen sind die Erlebnisse des von Kostja Ullmann gespielten Helden zwar, doch die sympathischen Figuren lassen über manche dramaturgische Absurdität hinwegsehen.

Webseite: www.studiocanal.de

Deutschland 2016
Regie: Marc Rothemund
Buch: Ruth Tom, Oliver Ziegenbalg
Darsteller: Kostja Ullmann, Jacob Matschenz, Anna Maria Mühe, Alexander Held, Herbert Forthuber, Uwe Preuss, Johann von Bülow
Länge: 111 Minuten
Verleih: Studio Canal
Kinostart: 26. Janaur 2017

FILMKRITIK:

Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater aus Sri Lanka, aufgewachsen ist Saliya Kahawatte (Kostja Ullmann) in der deutschen Provinz und träumt von Größerem. Als er mit 15 Jahren plötzlich ein Flackern im Auge wahrnimmt, bald immer schlechter sieht und schließlich nur noch 5% des normalen Sehvermögens hat, scheint sein Lebenstraum geplatzt zu sein: Eine Ausbildung in einem Hotel zu machen. Jeder Betrieb, bei dem er sich wahrheitsgemäß bewirbt und seine Behinderung nicht verheimlicht, lehnt ihn ab. In seiner Verzweiflung greift Saliya zu einer Notlüge und hat Erfolg: Ausgerechnet der altehrwürdige Bayerische Hof in München nimmt ihn als Auszubildender an.
 
Während die Ausbilder und Hotelmanager wirklich blind zu sein scheinen, fällt seinem neuen Kumpel Max (Jacob Matschenz) schnell auf, dass mit Saliya etwas nicht stimmt. Mit viel Einfallsreichtum gelingt es dem Duo jedoch, die Wahrheit zu verheimlichen: Dank seines außerordentlichen Gedächtnis verinnerlicht Saliya die Geographie des Hotels bald und kann sich fast perfekt durch die langen, oft verwinkelten Gänge bewegen, ohne anzustoßen. Doch nicht nur das: Auch Aufgaben wie Kartoffeln schneiden, Drinks mixen und Zimmer reinigen bewältigt er, allein das Gläser putzen fällt ihm schwer. Als er auch noch die hübsche Laura (Anna Maria Mühe) kennen lernt scheint sein Glück perfekt, doch ewig kann Saliya die Geheimnistuerei nicht durchhalten.
 
Geht man ohne Wissen um die erstaunliche Lebensgeschichte von Saliya Kahawatte ins Kino, beginnt man sich bald zu fragen, ob das denn tatsächlich alles wahr sein kann, was man da sieht. So schwerelos bewegt sich Saliya teilweise durch das Hotel, so geschickt stellt er sich an, so überzeugend verheimlicht er seine Blindheit, dass man sich oft in einem Chaplinesken Slapstickfilm wähnt. Zumal Marc Rothemund und sein Hauptdarsteller Kostja Ullmann im Zweifelsfall stets einen überdrehten Ton anschlagen, lieber zu viel als zu wenig machen.
 
Erst spät deuten sie auch die Abgründe an, die Saliya durchlebte, den zunehmenden Stress, um die Lüge aufrecht zu erhalten, seine Ausbildung zu meistern und nebenbei auch noch Geld zu verdienen, was nur mit Hilfe von Amphetaminen gelang, die ihrerseits natürlich nicht gerade zur Gelassenheit beitrugen.
 
Es ist vor allem dem stets sympathischen Ullmann und seinen Mitspielern zu verdanken, dass „Mein Blind Date mit dem Leben“ nicht vollständig die Bodenhaftung verliert, so überzogen und oft kaum glaubwürdig mancher Drehbucheinfall auch wirkt. Ob es notwendig war, die wahre Geschichte Saliya Kahawattes derart zu überzeichnen sei dahingestellt, eine bemerkenswerte, erstaunliche, vom Willen um Anerkennung und Akzeptanz geprägten Lebensgeschichte ist es in jedem Fall.
 
Michael Meyns