Mein Bruder ist ein Einzelkind

Eine Familiengeschichte aus dem Italien der Sechziger und Siebziger Jahre, die im Laufe der Zeit immer politischer wird, das ist Daniele Luchettis in seiner Heimat mit fünf Donatellos – den italienischen Oscars – gekürtes Drama. Es ist auch die Geschichte vom Erwachsenwerden des rebellischen Accio, den eine Hassliebe mit seinem älteren Bruder Manrico verbindet. Unterm Strich ist es auch ein Film, der zeigt, wie Italien unter dem Einfluss von Religion und Politik tickt.

Webseite: www.meinbruderisteineinzelkind.de

OT: Mio fratello è figlio unico
Italien/Frankreich 2007
Regie: Daniele Luchetti
Mit: Elio Germano, Riccardo Scamarcio, Diane Fleri, Alba Rohrwacher, Angela Finocchiaro, Massimo Popolizio, Vittorio Emanuele Propizio
100 Minuten
Verleih: KOOL Filmdistribution
Kinostart: 15.5.2008

PRESSESTIMMEN:

 

Ein packendes mediterranes Familien- und Politdrama, getragen von tiefen Leidenschaften und starken Gefühlen, untermalt von schwungvollen Canzoni aus zwei Jahrzehnten, gut gespielt und temperamentvoll inszeniert, kurzum italienisches Spitzenkino!"
Filmecho

Wenn zwei sich streiten… können sie sich trotzdem ganz ähnlich sein: charmante Tragikomödie über eine Hassliebe unter Brüdern. Und die zeigt Regisseur Daniele Luchetti mit viel Leidenschaft, Humor und Verständnis.
Brigitte

…handelt vom Erwachsenwerden in politisch bewegten Zeiten. Regisseur Daniele luchetti zieht die Zuschauer in seinem preisgekrönten Film mit erstaunlich leichter hand in die politische und erotische Entwicklungsgeschichte seines Helden… Mit burlesker Komik und großer Zuneigung zu seinen Figuren erzählt er von den Irrungen und Wirrungen der Überzeugungen und Gefühle.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Sie nennen ihn „Ekel“ und „Giftkröte“ und wundern sich, dass ihn das noch widerspenstiger macht. Als Junge hat es Accio (Vittorio Emanuele Propizio) nicht leicht, vor allem weil Eltern, Verwandtschaft und Freunde seinen älterer Bruder Manrico (Riccardo Scamarcio, erinnert hier stark an Cilian Murphy) ständig anhimmeln, obwohl auch der so seine Kanten hat. Immerhin ist Manrico aber der einzige aus der auf dem Land lebenden Arbeiterfamilie, der den jungen Accio in der Klosterschule besucht. 

Das fromme Leben aber ist nichts für den nach außen rebellischen, in sich aber eher schüchternen Accio. Weil Manrico sich in der linksorientierten Arbeiterbewegung stark macht, schließt sich der zu diesem Zeitpunkt noch wenig politikinteressierte Accio seinem Onkel in einer lokalen Faschistengruppe an – auch, um einmal mehr einen bewusst anderen Weg als sein Bruder zu gehen. Dabei sind die beiden Geschwister gar nicht einmal so unterschiedlich geartet. Zumindest teilen sie die gleichen Sehnsüchte. Zum Beispiel nach Francesca, Manricos hübscher Freundin (Diane Fleri). Trotzdem stehen sie sich – einige Jahre sind nun vergangen – bei faschistisch-kommunistisch motivierten Straßenkämpfen und Studentenprotesten als Feinde gegenüber. 

Danielle Luchettis Film veranschaulicht sehr schön die Stimmung im von Krieg und Depression geprägten Italien jener Jahre und wie sich diese Zeit auf ihre Kinder auswirkte bzw. wie leicht diese von den politischen Strömungen beeinflusst wurden. So erfährt man einmal, dass die Mutter (Angela Finocchiaro) der beiden ihre Stimme damals jener Partei gab, die ihrer Familie ein neues Haus versprach. Ein Versprechen, das freilich nie eingehalten wurde und lediglich der Hausbaugesellschaft die Taschen füllte. Luchetti und seine sich an der Romanvorlage „Il Fasciocomunista“ von Antonio Pennacchi orientierenden Drehbuchautoren Sandro Petraglia und Stefano Rulli („Die besten Jahre“) kritisieren solche Verhaltensweisen jedoch nicht, sondern stellen lediglich fest, dass es sie gab. Mit den Brüdern als sympathischen und glaubwürdigen Identifikationsfiguren konfrontieren sie zwei Vertreter unterschiedlicher Ideologien, wobei beide jeweils für sich sprechen und es dem Zuschauer überlassen, ob und welcher Einstellung er sich anschließen mag.

„Mein Bruder ist ein Einzelkind“ spannt einen großen Bogen mit in dörflicher Umgebung beginnender Italien-Nostalgie bis hin in kämpferisch und politisch betonte Zeiten, wie sie in den Siebzigern auch das Bild in Deutschland und Frankreich prägten. Eine Zeit, die auch musikalisch im Soundtrack berücksichtigt wurde. Nicht fehlen dürfen in diesem Fall die Aspekte Temperament und Leidenschaft, dank der Natürlichkeit der beiden Hauptdarsteller – in der Rolle des erwachsenen Accio tritt bald schon der während der Berlinale 2008 zu den Shooting Stars zählende Elio Germano auf den Plan – sind auch sie überzeugend vertreten. Im Bewusstsein, dass politische wie gesellschaftliche Agitation und Aktion in Italien immer auch zu Anarchismus und Verrat neigten, darf man auf ein unerwartet tragisches, aber auch bewegendes Ende gefasst sein. Von seinen Attributen „Ekel“ und „Giftkröte“ hat sich Accio da aber schon lange verabschiedet – und besonnener ist er auch geworden.

Thomas Volkmann

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Italien in den 60er, 70er Jahren. Accio und Manrico sind zwei charakterlich sehr unterschiedliche Brüder in einer nicht sehr begüterten Familie, die in einem baufälligen Haus wohnt und lange Zeit vergeblich um eine neue Bleibe kämpft. Accio ist der jüngere. Er ist rebellisch veranlagt, bäumt sich in der Schule wie im Elternhaus wegen jeder Kleinigkeit auf. Aus dieser Haltung heraus reißt er mehrere Male aus, lässt sich von einem Anhänger des Faschismus verführen, denn 1961 ist die Liebe zum „Duce“ (Mussolini) noch nicht ganz verflogen. 

Manrico ist der ältere, auch der bedächtigere. Er sieht gut aus. Politisch neigt er im Gegensatz zu seinem Bruder eher der Arbeiterbewegung, der Kommunistischen Partei zu. Er wird später sogar in den Untergrund und den Terrorismus abdriften. Francesca ist seine Geliebte. Doch sie wird auch von Accio begehrt. 

Der Film zeigt an die zwei Jahrzehnte im Leben dieser Brüder: ihr politisches Suchen und Schwanken; ihre bewegte, langsame individuelle Reifung; ihr Temperament; ihre Rebellion; ihre Leidenschaft; ihre Liebe zu Francesca; ihre Rivalität; ihre Gegensätze; ihre Fehler.

Das ist mit Lebendigkeit, Intensität und meist überzeugendem Geschehen gemacht. Vielschichtig und komprimiert werden hier Charaktere und Lebensphasen mit ihrem Hochgefühl wie mit ihren Wirrungen veranschaulicht, die man mit Interesse verfolgen kann.

Gespielt wird gut, improvisatorisch, frei – sowohl von den Brüdern als auch von den sie Umgebenden. „Donatellos“ gab es für „Mein Bruder ist ein Einzelkind“ ebenfalls schon zuhauf.

Thomas Engel