Mein Ein, mein Alles

Zwei starke Hauptdarsteller, ein knisterndes Beziehungsdrama. Die französische Regisseurin Maïwenn Le Besco schickt Emmanuelle Bercot und Vincent Cassel auf eine Achterbahnfahrt der Emotionen, konfrontiert sie mit Glücksgefühlen ebenso wie in den Krisenmomenten mit größter Traurig- und Einsamkeit. Emmanuelle Bercot erhielt für ihre Darstellung 2015 in Cannes den Preis als beste Schauspielerin.

Webseite: http://mein-ein-mein-alles.de

OT: Mon Roi
Frankreich 2014
Regie: Maïwenn Le Besco
Darsteller: Vincent Cassel, Emmanuelle Bercot, Louis Garrel, Isild Le Besco
128 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 31.3.2016
 

PRESSESTIMMEN:

Extrem intensives Schauspielerkino mit Vincent Cassel und Emmanuelle Bercot. Liebe ist in diesem Film Rausch, Sucht, Abhängigkeit.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Ein Leben mit Höhen und Tiefen ist ganz nach dem Geschmack des feierlustigen Restaurantbesitzers Georgio (Vincent Cassel). Seine Frau Tony (Emmanuelle Bercot) hingegen würde sich das Leben mit dem Temperamentbolzen geregelter wünschen. In einem Disput unterstreicht sie dies mit einer waagrechten, glättenden Handbewegung. Übersetzt in den in diesem Fall geradlinigen Kurvenverlauf eines Elektrokardiogramms wäre sie seiner Meinung nach tot. Sein Lebensstil hingegen verhieße im Sinne dieser Analogie Leben. Seine Devise heißt: „Wenn man sich liebt, leidet man!“.
 
Verabreicht wird das Drama einer unmöglichen Liebe in Rückblenden, als Tony nach einem Kreuzbandabriss, den sie sich beim Skifahren zuzog, in der Reha-Klinik Zeit hat, über die rund zehn Jahre ihrer Beziehung mit Georgio nachzudenken. Ob ihr Skiunfall – das lediglich auf der Tonspur verabreichte Knacken der Knochen geht auch dem Zuschauer in Mark und Bein, die alpine Talfahrt lässt sich auch allegorisch lesen – eine Folge ihrer psychologischen Verfassung gewesen sein könnte, wie eingangs in einem Arztgespräch anklingt, wird nicht weiter vertieft, schwingt als Fragezeichen aber mit und darf nach dem Film gerne ausdiskutiert werden.
 
Emmanuelle Bercot erhielt für ihre Rolle bei den Filmfestspielen 2015 in Cannes den Darstellerpreis. Zurecht, wie nicht nur jene Szene zeigt, in der es ihr in leicht angeschickertem Zustand einmal gelingt, Georgio in Anwesenheit von Freunden die Meinung zu geigen – ein furioser Moment. Ob niedergeschlagen oder vom Glück erfüllt, Bercot spielt das Leben der als Anwältin arbeitenden und rational und beherrscht auftretenden Tony mit Bravour. Dass sie immer wieder zu ihm zurückkehrt, liegt auch am gemeinsamen Kind, das er sich so sehnlichst mit und von ihr wünschte.
 
Der in seinem Verhalten manipulative Georgio macht keinen Hehl daraus, ein mieser und unzuverlässiger Partner zu sein. Er bezeichnet sich selbst einmal sogar als „König der Arschlöcher“ und findet das auch noch toll. Schon Minuten nach der Scheidung rückt er seiner nunmehr Ex-Frau bereits wieder auf den Pelz. Auch nutzt er den Umstand, dass sie während ihrer Schwangerschaft wegen Unwohlseins Tabletten nimmt als Druckmittel, um sich gegenüber den Behörden im Zusammenhang mit dem Sorgerecht als das stabilere Elternteil zu präsentieren. Auch Cassel liefert in dieser Rolle eine stark Vorstellung ab, ist allerdings auch ein wenig eindimensional gezeichnet, was insofern passt, ist er doch ein oberflächlicher Charakter.
 
Die als junge Frau einmal mit Luc Besson liierte Regisseurin Maïwenn Le Besco erzählt in ihrem Beziehungsdrama von den Aufs und Abs einer Beziehung, deren anfängliche Glücksmomente sich verkehren in einen alptraumhaften Krieg der Emotionen. Die vorwiegend aus weiblicher Sicht erfolgte Inszenierung dieser diffizilen Partnerschaft mit all ihren Brüchen wirkt dabei glaubhaft und realistisch. Auch wenn Tony während ihrer Reha in ihrer Genesung einen weiteren Rückschlag erleidet, so genießt sie bei ihrem ihr körperlich wie seelisch auf die Beine helfenden Aufenthalt doch auch die Gesellschaft einer Gruppe von Jugendlichen aus der Banlieue, die eben nicht wie sie aus bourgeoisen Verhältnissen stammen, sondern ohne Rücksicht auf ihre Klassenzugehörigkeit und ihren Migrationshintergrund einfach nur eine gute Zeit haben – allen Frotzeleien zum Trotz (es sind zudem Szenen, die ein positives Bild einer multikulturellen französischen Gesellschaft abgeben). Momente, die Tony trotz der auch in ihrer Ehe und Beziehung mit Georgio immer wieder erlebten und genossenen Ausgelassenheit selbst so nie kannte.
 
Thomas Volkmann