Mein Freund, die Giraffe

Die Initialzündung zu „Mein Freund, die Giraffe“ lieferte das niederländische Kinderlied und Gedicht „Dikkertje Dap“ der Autorin Annie M.G. Schmidt. Aus der dort erzählten Geschichte eines Jungen, der nach seiner Einschulung weniger Zeit mit seinem besten Freund verbringen kann, spinnt die Regisseurin Barbara Bredero einen liebenswerten Kinderfilm für das jüngste Kinopublikum. Der Clou ist, dass der Freund des Kinds eine sprechende Giraffe ist, die im Film per Animatronik umgesetzt wurde. Seine Premiere feierte der Kinderfilm in der stets gut aufgestellten Berlinale-Sektion Generation Kplus.

Webseite: www.littledream-entertainment.com

OT: Dikkertje Dap
Niederlande, Belgien, Deutschland 2017
Regie: Barbara Bredero
Darsteller/innen: Liam de Vries, Martijn Fischer, Dolores Leeuwin, Medi Broekman, Egbert Jan Weeber
Laufzeit: 74 Min.
Verleih: Little Dream Entertainment
Kinostart: 1. März 2018

FILMKRITIK:

Seit ihrem gemeinsamen Geburtstag sind der niederländische Junge Dominik und die sprechende Giraffe Raf aus dem Tierpark nebenan unzertrennliche Freunde. Die ungewöhnliche Bande gerät ins Wanken, als der Junge mit Beginn des fünften Lebensjahrs eingeschult wird und Raf fortan weniger oft besuchen kann, um etwa den langen Hals der Giraffe als Rutschbahn zu benutzen. Also wendet der Junge alle Tricks an, um Raf weiterhin täglich treffen zu können, was seine fürsorglichen Eltern, der tierliebe Opa und die nette Lehrerin Juf immer wieder vereiteln. Ein weiteres Problem ergibt sich, als Dominik im Klassenkamerad Yous einen Menschenfreund findet und Raf damit vor den Kopf stößt.
 
Die gedankliche Blaupause zu „Mein Freund, die Giraffe“ lieferte das Kinderlied und Gedicht „Dikkertje Dap“ der Niederländerin Annie M.G. Schmidt, das beim Abspann zu hören ist. Die übersichtlich aufgebaute, naturgemäß freie Adaption der „Mister Knister“-Regisseurin Barbara Bredero macht keine großen Umschweife. Ohne künstliche Zuspitzungen verhandelt der 74-Minüter Dominiks Unsicherheiten und Verlustängste während der Abnabelung vom Elternhaus sowie seinen Lernprozess in Bezug darauf, wie sich Freundschaften im Lauf der Lebensabschnitte verändern können. Themen also, die das anvisierte Publikum im Vor- und Grundschulalter in der eigenen Lebenssituation abholt.
 
Für die erwachsenen Begleitungen und als Auflockerung für zwischendurch streut Bredero einen amüsanten Flirt zwischen Dominiks Opa und der Lehrerin des Jungen ein. Aber auch sonst bietet der Berlinale-Beitrag auch Zuschauer*innen Unterhaltung, die ihre Einschulung längst hinter sich haben und aus der versöhnlichen Botschaft des Films – dass man mehr als eine Freundschaft pflegen kann – keine Erkenntnis ziehen können. Der Unterhaltungsfaktor liegt am niedlichen Spiel des debütierenden Kinderdarstellers Liam de Vries und den oft turbulenten Aktionen mit Raf, wenn der Bub beispielsweise den Giraffenhals heruntergerutscht oder sich eine Heuschlacht mit dem Tier liefert.
 
Umgesetzt wurde die Giraffe ganz klassisch als animatronisches Modell, was in Zeiten computergenerierter Spezialeffekte viel nostalgischen Charme versprüht. Die asynchronen oder komplett weggelassenen Lippenbewegungen der sprechenden Giraffe legen dabei den (letztlich relativ widerlegten) Verdacht nah, dass sich Raf womöglich nur in Dominiks Fantasie artikulieren kann.
 
Lobenswert ist auch die sehr klare, Genre-typisch bunte Bildgestaltung, die jungen Zuschauer*innen grundlegende filmische Gestaltungsmittel anschaulich näherbringen kann. Den Trubel auf den Schulfluren und im Klassenzimmer inszeniert Barbara Bredero mit einem erhöhten Schnittrhythmus und Schwenks, wobei die Kamera auf Dominiks Augenhöhe bleibt. Die Gestaltung der Tonebene macht mit fortwährendem Augenzwinkern auf sich aufmerksam und gipfelt in der schwungvollen Trompetenmusik, die zum Mitwippen animiert und herrlich zur gewinnenden Art des Kinderfilms passt.
 
Christian Horn