Mein halbes Leben

„Wenn man es heute mit 30 nicht geschafft hat, ist alles vorbei.“ Dieser provokanten These folgend beginnt der aus Österreich stammende, in Berlin lebende Regisseur Marko Doringer, gerade 30 geworden, über sein Leben nachzudenken. Das Ergebnis ist dieser Film, der sich schnell von einer weinerlichen Nabelschau zu einem gelungenen Portrait einer Generation entwickelt, in der sich „Erfolg“ auf vielfältige Weise misst.

Webseite: www.meinhalbesleben.com

Österreich/ Deutschland 2008, 93 Minuten
Regie: Marko Doringer
Drehbuch: Marko Doringer
Kamera: Marko Doringer
Musik: Les Hommes Sauvages
Dokumentation
Verleih: Movienet Filmverleih
Kinostart: 8. Oktober 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Pure Subjektivität ist dieser Film. Bis auf zwei, drei Momente, in denen man den Autor beim Therapeuten sieht, ist „Mein halbes Leben“ komplett aus der Perspektive Marko Doringers gefilmt, der von Kamera bis Schnitt fast jede technische Funktion selbst übernahm. Eine Folge der Entwicklung von leicht zu bedienenden Kameras und Schnittprogrammen für den heimischen Laptop. Und so beginnt Doringers Film auch als larmoyante Nabelschau. Im wahrsten Sinn des Wortes, wenn Doringer seinen nicht mehr ganz strammen Körper vor dem Badezimmerspiegel filmt. Sein Leben verbringt er in einer WG an der hippen Berliner Oranienstraße, womit er sein Geld verdient ist unklar, offensichtlich aber ist er weder von festen Arbeitszeiten noch von familiären Bindungen eingespannt. Ein typischer 30er eben, wie es sie gerade in Berlin zu zehntausenden gibt. Man hat irgendwas Geisteswissenschaftliches studiert, um später mal „was mit Medien“ zu machen und schlägt sich nun, in unsteten Arbeitsverhältnissen hängend, so durch.

So ähnlich geht es Doringer zu Beginn des Films, wenn er, also die Kamera, aus dem Fenster auf die Hochbahn schaut und die Bierflaschen auf seinem selbstgebauten Tisch zählt. Schnell jedoch löst sich Doringer von seinem persönlichen Schicksal und beginnt ein bemerkenswert vielschichtiges Portrait seiner Generation zu zeichnen. Die Reise führt ihn nach Österreich, in seine Heimat, die er mit Anfang 20 verließ. Nun sucht er seine alten, in etwa gleichaltrigen Freunde auf, die er teils seit Jahren nicht gesehen hat und schaut, wie diese sich in ihren Leben eingerichtet haben. Zum Beispiel Martin, ein Sportjournalist, der sich zu höherem berufen fühlt. Doch trotz Freundin ist Martin nicht wirklich zufrieden mit seinem Leben und wird im Verlauf des Films seinen sicheren Job kündigen, um in Südafrika etwas zu riskieren.

Ähnlich gesichert und doch unstet lebt Tom, der während der Woche in Sofia arbeitet und am Wochenende bei Freundin und deren Kind in Österreich ist. Auch Tom ist nicht unzufrieden mit seinem Job, doch dass seine größte Begeisterung einem bestimmten Weißbier gilt zeigt dann doch, dass auch in seinem Leben etwas fehlt. Am zufriedensten wirkt schließlich die Modedesignerin Katha. Beruflich läuft es gut, privat ist sie in festen Händen, doch dann wird sie schwanger und ihre Lebensplanung wird in Frage gestellt.

Neben den drei Freunden lässt Doringer die ältere Generation zu Wort kommen, die Eltern. Diese fungieren als Vergleichsmaßstab der zeigt, wie sehr sich die Lebenserwartungen geändert haben. Das Leben von Martins Vater etwa war mit 26 praktisch schon fertig. Im Job hatte er eine feste Position, seine Frau erwartete das erste Kind, die kommenden Jahrzehnte waren klar abgezeichnet. Ganz anders die heute 30jährigen. Bei ihnen ist kaum etwas klar, dafür sind alle Möglichkeiten offen. Der Weg zur Zufriedenheit ist nicht streng vorgegeben, doch das Maß an Freiheit, dass man heute hat, ist nicht immer leicht zu bewältigen. So endet Doringers Film wie und wo er begonnen hat: In seiner Kreuzberger Wohnung, inzwischen mit Freundin, doch die Zukunft ist immer noch unbestimmt. Nur einen Unterschied gibt es, einen nicht ganz unwichtigen: Diesen Film.

Michael Meyns

Marko Doringer ist Dokumentarfilmer und portraitiert sich hier selbst. Mit seinen 30 Jahren hält er sein „halbes Leben“ für vergangen – und ist mit sich höchst unzufrieden. Er ist mental stark von seinem Vater abhängig, der ihn noch immer unterstützt. Mehrere Berufsversuche hat er abgebrochen. Er wird von Angstzuständen beherrscht, weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, die er wahrscheinlich für den thematischen Ansatz dieses Films brauchte. In Wirklichkeit scheint er inzwischen beruflich ziemlich gut dazustehen, hat einen ziemlich originellen Film gedreht, für den es schon Preise gab. Natürlich dient die Sache auch einer ausgiebigen Selbstdarstellung und womöglich der Verfolgung eines ganz bestimmten Zwecks.

Doringer widmet sich der Beobachtung wie gesagt seiner selbst, seines Freundes Martin, seiner Ex Katha, seines Freundes Tom sowie seiner Eltern und einiger anderer. Martin ist Sportjournalist, die Ex Modedesignerin. Tom arbeitet als Manager in Sofia.

Martin ist mit seiner Arbeit und seinem gegenwärtigen geistigen Status unzufrieden. Er wandert mit seiner Freundin nach Südafrika aus. Jetzt folgt eine Phase der Zufriedenheit und Erfüllung. Aber schon taucht die Frage auf, ob alles richtig entschieden wurde.

Tom pendelt von Sofia, wo er ganz Geschäftsmann ist, ins Oberösterreichische. Da fungiert er am Wochenende als Familienvater.

Katha wollte reüssieren, sich verwirklichen. Doch ihr Freund Ingo funkte ungewollt dazwischen. Sie bekommt jetzt erst einmal ein Kind. Empörung und Freude halten sich die Waage.

Markos Eltern sind ein besonderes Kapitel. Der Vater macht sich permanent Sorgen um seinen „erfolglosen“ Sohn. Das schlägt diesem mehr als normal ständig aufs Gemüt. Ein Teufelskreis.

Doringer lauscht, kitzelt Geständnisse aus seinen Freunden heraus, kommt ihnen nahe, erinnert sich mit ihnen an die Vergangenheit, lässt sie nachdenken, bricht ab, wenn die Verzögerung zu lang wird, bleibt möglichst nahe an der Realität, ringt sich dann wieder zu eigenen Bekenntnissen durch, mischt alles formal variantenreich und passend.

Das ist sehr direkt, aber nie indiskret oder voyeuristisch. Viel eher interessant anzuhören und offenbar typisch für die Generation der Doringer angehört. Sogar manchmal köstlich und amüsant dazu.

Erfrischend, aber auch ernsthaft, nicht nur Doringer und seine Freunde anvisierend, sondern die Gesellschaft als solche – auch davon handelnd, wie alte Strukturen oder Werte sich auflösen und wie man sich heute der Realität zu stellen hat.

Thomas Engel