Mein Herz tanzt

Eran Riklis ist ein Spezialist für komplexe Stoffe in Israel, die er publikumstauglich aufzubereiten weiß. Das hat er mit „Die syrische Braut“ (2004) gezeigt, zuletzt mit „Lemon Tree“ (2008). Beide Male ging es um Geschichten im Grenzgebiet zu Israel. In seinem neuen Film „Mein Herz tanzt“ setzt er diese Tradition fort und schickt einen intelligenten Palästinenserjungen auf eine jüdische Schule in Jerusalem. Wie der Junge mit seiner Außenseiterrolle umgeht und auf der Suche nach seiner Identität seinen Weg geht, wird sehr sehenswert als humorvoller, die politischen wie auch gesellschaftlichen Konflikte aber sehr ernst nehmender Toleranzappell geschildert.

Webseite: www.meinherztanzt-derfilm.de

OT: Dancing Arabs
Israel, Deutschland, Frankreich 2014
Regie: Eran Riklis
Darsteller: Tawfeek Barhom, Razi Gabareen, Ali Suliman, Yaël Abecassis, Marlene Bajali
Drehbuch: Sayed Kashua
Länge: 105 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 21.5.2015
 

Pressestimmen:

"Der israelische Regisseur Eran Riklis erzählt gefühlvoll von einem palästinensischen Jungen …Riklis zeigt, wie (…) ihn die harte Welt, in der er lebt, viel zu schnell erwachsen werden läßt. Man hätte dem tanzenden Herzen dieses frechen Jungen eine etwas längere Jugend gewünscht."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Der palästinensische Junge Eyad ist ein schlaues und standhaftes Bürschlein. Dem Krämer im Dorf rechnet er flugs vor, wie hoch dessen Gewinnspanne bei Alltagswaren ist. Als in der Schule die Berufe der Väter Gesprächsthema sind, beharrt er partout darauf, sein Vater sei ein Terrorist – da mag der Lehrer die Ohren noch so lang ziehen. Auch ein jüdischer Austauschschüler, mit dem er statt Räuber und Gendarm Sharon und Arafat spielt, bekommt ob dieser Aussage ordentlich Muffensausen. Wahr ist: als Student gehörte der Vater zu jenen, die Widerstand gegen die Gründung des Staates Israel leisteten. „Wir hatten gehofft, unser Land würde von den Juden befreit. Heute wären wir schon froh, wenn man uns in Würde leben ließe“, erzählt er seinem Sohn, der nun – nach einem kurzen Zeitsprung ins Jahr 1988 – als erster und bislang auch einziger Palästinenser an einem Eliteinternat in Jerusalem angenommen wird.
 
Eyad (Tawfeek Barhom) hat es anfangs nicht leicht an dieser Schule. Er versucht sich anzupassen, spürt aber auch, dass man ihn immer als Araber sehen wird. Im Literaturunterricht zeigt er dies der Dozentin und den Mitschülern am Beispiel israelischer Autoren auf, die in ihren Romanen stets ein klischeehaftes Bild von Arabern zeichnen. Sein Leben nimmt eine Wendung, als sich die aschkenasische Jüdin Naomi (Danielle Kitzis) in ihn verliebt und er sich mit dem wegen einer sich ständig verschlechternden Muskelschwundkrankheit an den Rollstuhl gefesselten Mitschüler Yonathan anfreundet. Vor allem die ständige gesellschaftliche Geheimhaltung seiner Beziehung zu Naomi zehrt am aufgeweckten Wuschelkopf. Für Eyads weiteren Weg wird dann westliche Musik ebenso eine Rolle spielen wie das aus Mekka stammende Leichentuch seiner Großmutter.
 
Regie bei dieser berührenden und auch mit Humor gespickten Parabel über die schwierige Suche nach einer eigenen Identität in einem Klima gesellschaftlicher Stigmatisierung und kultureller Gegenpole führte der israelische Regisseur Eran Riklis. Wie zuletzt schon in seinen Filmen „Die syrische Braut“ und „Lemon Tree“ sind es immer wieder die rassistisch motivierten Sticheleien, die Konflikte anschwellen lassen und denen mit Bedacht und durchaus auch einer Spur von Täuschung begegnet werden muss. Riklis setzt hier nicht auf die harte Konfrontation, sondern auf einerseits Diplomatie und den ganz eigenen Weg des Jungen. Ein Weg, der unterm Strich nicht ganz ungefährlich ist, sich in diesem massentauglichem Wohlfühlfilm aber auf eine einerseits erwartbar sanfte Weise vollzieht, der trotzdem aber seine Überraschungsmomente birgt.
 
Die Idee zu diesem 2014 in Locarno auf der Piazza Grande gefeierten Films lieferte der semi-autobiographische Roman des in den USA lebenden Haaretz-Kolummnisten Sayed Kashua, der auch das Drehbuch schrieb. Gefallen hat das Werk auch dem ehemaligen israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres. „Ich bin voller Hoffnung, dass dieses Land noch schöner werden kann, wenn es ein Recht auf Vielfalt gibt, und wenn wir die Verschiedenartigkeit jedes einzelnen Menschen anerkennen”, postete er nach Sichtung von „Mein Herz tanzt“ auf seiner Facebook-Seite.
 
Thomas Volkmann