Mein Leben – Ein Tanz

Salvador Dalí war ihr glühender Verehrer, Peter Sellers wollte sie nach Hollywood holen: Die Tänzerin La Chana galt als Königin des Flamenco – und ist es bis heute. Diese packende Doku erweist sich als elegante Verbeugung vor diesem eindrucksvollen Ausnahmetalent. Und sie zeigt eine Frau, die allem Erfolg zum Trotz kein leichtes Leben hatte. Die Ehe, eine Hölle. Der Gatte, ein übler Macho, der ihre Karriere sabotiert. Doch die Tänzerin bleibt ein Stehauffrauchen. Mit fast 70 begibt sie sich die Tanz-Ikone nochmals auf die Bühne, für einen letzten Flamenco im Sitzen. Der Konzert-Saal feiert sie begeistert. Das könnte auch im Filmtheater passieren. Auf dem weltweit größten Dokumentarfilmfestival, dem IDFA, gab es bereits den Publikumspreis. Frei nach Kafka: „Im Kino gewesen. Getanzt!“

Webseite: www.temperclayfilm.de

OT: LA CHANA
Spanien 2016
Regie: Lucija Stojevic
Filmlänge: 85 Minuten
Verleih: temperclayfilm
Kinostart: 28.9.2017

FILMKRITIK:

„Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!“ – dieser weise Ratschlag von Pina Bausch gerät auch zum Lebensmotto von Antonia Santiago Amador, die unter ihrem Künstlernamen „La Chana“ zum ganz großen Star des Flamenco avanciert und in den 60er und 70er Jahre weltweite Erfolge feiert. Weshalb das so ist, wird gleich vor dem Vorspann deutlich. Da erlebt man La Chana, wie sie mit rasantem Tempo rhythmisch über das Parkett rattert: Die Bühne bebt vor Energie und Leidenschaft.
 
„Ich war zum Tanzen geboren. Nächtelang lag ich wach und spielte die Rhythmen in meinem
Kopf durch, bis sie ein Teil von mir wurden“, erzählt die mittlerweile fast 70-jährige Spanierin. Alte Schwarzweiß-Fotos zeigen sie als Kind mit dem Onkel, der ihr Talent früh entdeckt und fördert – sehr zum Verdruss des Vaters, der ihr den ersten Auftritt verbietet. Doch der Teenager setzt sich trotzig durch und wird begeistert gefeiert. Bei ihrem Ehemann soll ihr das später nicht mehr vergönnt sein. Nach anfänglicher Liebe entpuppt sich der Gatte als mieser Macho, der seiner Frau ihre Karriere nicht gönnt und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. „Er war mein Besitzer. Ich war seine Sklavin“, erinnert sich Antonia. Aus Angst verlässt sie ihn nicht. Nur wenn sie tanzt, fühlt sie sich frei.
 
Dem eklatanten Elend zu Hause steht der große Glanz auf der Bühne gegenüber. Salvador Dalí gehört zu den begeisterten Fans, fast täglich sitzt das exzentrische Genie im Publikum, stets begleitet von seinem Ozelot. Peter Sellers ist gleichfalls entzückt, er besetzt sie als Tänzerin in „Bobo ist der Größte“ und möchte die Künstlerin nach Hollywood holen. Doch ihr Ehemann, stets namenlos nur als „der Vater meiner Tochter“ genannt, verbietet es und zwingt sie zum Aufgeben ihrer Karriere. Sieben Jahre später wird er Antonia samt Kind mittellos sitzen lassen. In einer zweiten Ehe findet sie schließlich doch noch ihre wahre Liebe.
 
Nach fast 30 Jahren Bühnenabstinenz, kommt die Bitte eines Theaters, um einen letzten Auftritt. Die Beine der betagten Damen machen mittlerweile nicht mehr so richtig mit, zudem plagt sie Diabetes. Für La Chana jedoch kein Grund, auf das Comeback zu verzichten: Dann tanzt sie ihren Flamenco eben im Sitzen! Auch das gerät zum Triumph.
 
„Ich hoffe, dass diese Geschichte auch junge Frauen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, dazu ermutigt, für ihre Träume zu kämpfen“, sagt die junge Doku-Regisseurin Lucija Stojevic über ihren Film. Tatsächlich bietet diese Biografie nicht nur intime Einblicke in das Schaffen dieser leidenschaftlichen Ausnahme-Künstlerin, sondern zugleich auf das Leben einer Roma-Frau, die in der spanischen Gitano-Kultur traditionell wenig Rechte zugebilligt bekommt. Hier hatte allein der Mann das Sagen – und auch das Schlagen. Die leinwandpräsente Protagonistin erweist sich als spannende Erzählerin, deren eindrucksvoller Lebens- und Leidensgeschichte man ebenso gerne zuhört wie ihrer Philosophie über das Tanzen. „Der Applaus bedeutete, meine Zeit im Paradies ist vorüber“, sagt La Chana einmal über ihre Auftritte. Selbst ihre Tochter erkannt sie beim Flamenco kaum wieder: „Auf der Bühne sah ich eine Naturgewalt, die äußerlich das Aussehen meiner Mutter hatte“.
 
Im Unterschied zu gängigen Biografien hält sich die Regisseurin bei der Verwendung alter Bilder und Archivaufnahmen klug zurück: Weniger ist mehr. Wenn man La Chana dann in alten Zeiten tanzen sieht, fällt das Staunen umso eindrucksvoller auf. Mit einem furiosen Auftritt ohne vorherige Probe in einer TV-Show („Die beste Aufführung meines Lebens“) ist das Archiv-Pulver längst nicht verschossen. Zum Abspann läuft ein Rhythmus-Duell gegen einen Schlagzeuger: „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!“.
 
Dieter Oßwald