Mein Stück vom Kuchen

Eher bekannt als Regisseur leichter Komödien wie „…und jeder sucht sein Kätzchen“ oder „Barcelona für ein Jahr“ versucht sich Cedric Klapisch in „Mein Stück vom Kuchen“ mit zwiespältigem Ergebnis an einem sozialkritischen Film. Besonders der unausgereift wirkende Wechsel zwischen Komödie und Drama und eine problematische Figurenzeichnung untergräbt die im Ansatz interessante kapitalismuskritische Tendenz des Films.

Webseite: www.meinstueckvomkuchen.de

(Ma part du Gateau)
Frankreich 2010
Regie, Buch: Cedric Klapisch
Darsteller: Karin Viard, Gilles Lellouche, Audrey Lamy, Jean-Pierre Martins, Zinedine Soualem
Länge: 109 Minuten
Verleih: Kinowelt
Kinostart: 15. September 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

France (Karin Viard) lebt mit ihren drei Töchtern in der nordfranzösischen Industriestadt Dünkirchen und hat gerade ihren Job verloren. Nach einem Selbstmordversuch rafft sie sich auf und zieht nach Paris, wo sie als Reinigungsfachkraft einen neuen Anfang starten will. Steve (Gilles Lellouche) ist erfolgreicher Börsenmakler, lebt in London und wird von seinem Boss zurück in die französische Heimat geschickt. In Paris soll er eine Filiale aufbauen und bezieht eine luxuriöse Wohnung, in der bald France als Mädchen für alles arbeitet.

Zwei völlig gegensätzliche Welten etabliert Regisseur Cedric Klapisch in den ersten Minuten, zwei Menschen, wie sie in Lebensstil, aber vor allem ihren moralischen Werten nicht unterschiedlicher sein könnten. Und das man über weite Strecken des Films das Gefühl hat, dass diese beiden Personen im Laufe der Erzählung zueinander finden werden, wie man es aus unzähligen ähnlich gestrickten romantischen Komödien kennt, weißt schon auf das fundamentale Problem dieses Films hin: Die unentschlossene Tonart, das unbestimmte changieren zwischen leichter Komödie und einem relevanten Thema. Über weite Strecken wird Steve als zwar egozentrischer, aber doch im Inneren seines Wesens sympathischer Kerl gezeichnet, der einfach zu lange mit den falschen Menschen – geldgierigen, oberflächlichen Börsenhaien – zu tun hatte. Aber durch die Verbindung mit der bodenständigen France, die ihn mit Bescheidenheit und moralischen Werten konfrontiert, wird er zu einem besseren Menschen werden. Doch so leicht wie es scheint, will es sich Klapisch diesmal nicht machen.

Er, der sonst für leichte, harmlose Komödien wie „…und jeder sucht sein Kätzchen“ oder „Barcelona für ein Jahr“ bekannt ist, strebt hier nach höherem. Aber eben nur ein bisschen. Sehr lange bewegt sich „Mein Stück vom Kuchen“ in ähnlich leichtem, komödiantischen Fahrwasser, wird mit Steves kleinem Sohn, den France notgedrungen betreuen muss, auch noch eine besonders menschelnde Komponente eingeführt, um dann in den letzten 20, 30 Minuten zu einem veritablen Sozialdrama zu werden. Plötzlich entdeckt France (die natürlich nicht zufällig so heißt wie ihre Nation) ihre klassenkämpferische Ader, durchschaut das durch und durch Verachtenswerte im Wesen des Börsenmaklers und versucht ihn mit den Folgen seines Handelns zu konfrontieren.

Eigentlich ein gerade in diesen Zeiten interessantes Thema, in denen die Exzesse des Kapitalismus immer deutlichere Folgen hat. Das abstrakte Handeln der Börsenwelt, in der per Mausklick Milliarden am Bildschirm verschoben werden, in der das Handeln scheinbar ohne Konsequenzen für die reale Welt ist, mit eben dieser realen Welt zu konfrontieren, wäre ein lohnenswertes Sujet. Nur eben nicht als unbefriedigender Anhang einer bis dahin harmlosen, bisweilen albernen Komödie. Es scheint, als hätte sich Klapisch nicht so recht entscheiden können, welchen Film er in „Mein Stück vom Kuchen“ denn nun machen wollte, als hätte er seine Hauptfigur während des Schreibens mal sympathisch gefunden, um sie dann doch zu verachten. Dieses Unbestimmte ist letztendlich die Krux des Films, der unbefriedigend zwischen Komödie und Sozialdrama im Leeren hängt.

Michael Meyns

France lebt in Dünkirchen mit ihren drei Kindern. Zwanzig Jahre hat sie in einer Fabrik gearbeitet, die jetzt nicht zuletzt wegen des Aufschwungs in China wegrationalisiert und geschlossen wird. 1200 Arbeiter stehen vor der Tür – arbeitslos, ratlos und hoffnungslos. Eine kleine Entschädigung kommt erst später.

Stéphane, Franzose jedoch Steve genannt weil in London arbeitend, ist Finanzspekulant, Börsenhai, Egoist. Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit zeichnen ihn aus. Er muss nach Paris zurück, um dort eine auf reinen Profit orientierte Filiale aufzubauen.

Wer wird seine große moderne Wohnung pflegen? France ist es, die wegen des Geldes die Woche über auf ihre Kinder verzichten muss.

Womit sie nicht gerechnet hat: Eines Tages steht eine junge Frau vor der Tür und liefert für einige Wochen Alban ab, Stéphanes Sohn. Der braucht eine Pflegemutter, und niemand anderes als France muss in den saueren Apfel beißen – für viel Geld allerdings.

Für den aufbrausenden, reaktionsgefährdeten machohaften Stéphane, Frauen wie Geräte gebrauchend, aber soeben nach einer gemeinsamen Venedigreise von einem bildschönen Model in die Wüste geschickt, wird die lebenstüchtige und aufgeweckte France im Laufe der Zeit so etwas wie eine Beraterin. Und später, viel später, sogar seine Begleiterin bei einem Galadiner und für ein Nacht seine Geliebte. Dabei erfährt sie per Zufall, dass Stéphane es war, der sich am Zusammenbruch ihrer Dünkirchener Firma beteiligte.

Jetzt muss sie sich auf eine böse Weise rächen, selbst wenn sie dafür festgenommen wird.

Cédric Klapisch ist bekannt für gute Filme, zu denen er auch die Drehbücher schreibt. Hier ist ihm kein schlechter Wurf gelungen. Die Handlung ist famos ausgedacht, die beiden den Film hauptsächlich meisternden Darsteller Karin Viard als Vollweib France und Gilles Lelouche als verdrückter, sich spät bekehrender Finanz-Halbkrimineller hätten besser nicht ausfindig gemacht werden können.

Dabei handelt es sich ganz und gar nicht um eine reine Komödie. Denn dass es mit der Finanzwelt schon längst nicht stimmt, dass reine Profitgier über der Menschlichkeit steht, dass manche immer brutaler und krimineller vorgehen, das wird hier nicht nur indirekt deutlich, sondern explizit angeprangert. Und das ist gut so.

Thomas Engel