Mein Vater, sein Vater und Ich

In seinem autobiographischen Essayfilm „Mein Vater, sein Vater und Ich“ nähert sich der aus Mannheim stammende Filmemacher Jan Schmitt seinem Vater Wolfgang und dessen Vater Hans, die für ihn unterschiedliche Formen der Männlichkeit darstellen. In seinen dokumentarischen Momenten überzeugend, in Versuchen, das faktische mit fiktiven Mitteln zu überhöhen weniger, ist Schmitts Film vor allem sehr persönlich.

Webseite: www.schmitt-film.de

Deutschland 2015 – Essayfilm
Regie, Buch: Jan Schmitt
Länge: 90 Minuten
Verleih: Jan Schmitt Eigenverleih
Kinostart: 14. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Im Mittelpunkt von Jan Schmitts Essayfilm „Mein Vater, sein Vater und ich“ steht eine weitestgehend abwesende Person: Wolfgang, Jan Schmitts Vater, 1938 geboren, Kriegskind, Familienvater, längst gestorben. In ausführlichen Voice-Over-Passagen bemüht sich Jan Schmitt darum, seinen Vater und dessen Wesen zu evozieren, spricht diese Passagen allerdings nicht selbst: Der Schauspieler Alexander Scheer hat diesen Part übernommen, spricht die oft betont abstrakten Gedanken so, als wären sie ihm gerade gekommen, beim Nachdenken über seinen Vater, seine Herkunft.

Schon dieses Stilmittel wirkt ein wenig forciert, ein wenig zu bemüht künstlerisch, so als würde Jan Schmitt der eigentlichen Erzählung nicht trauen. Vielleicht liegt dies an der offensichtlich geringen Anzahl an Fotos oder anderem Bildmaterial, das über Wolfgang Schmitt zur Verfügung stand (ganz zu schweigen von dessen Vater), so dass bestimmte Fotos im Laufe des Films immer wieder auftauchen. Denn im Gegensatz zu den meisten Personen, die in biographischen oder autobiographischen Filmen porträtiert werden, war Wolfgang Schmitt augenscheinlich ein ganz gewöhnlicher Mann, weder berühmt, noch berüchtigt oder sonst wie bemerkenswert. Während also Jan Schmitts Intersse an seinem Vater auf der Hand liegt, stellt sich die Frage, warum sich ein unbeteiligter Zuschauer für diese Familie interessieren sollte, eine Familie, die so durchschnittlich wirkt wie Tausende andere Familien auch, der während und nach dem Krieg auch nichts zugestoßen ist, das nicht tausenden anderen Familien auch zugestoßen ist.

Ganz eindeutig lässt sich diese Frage nicht beantworten, dafür bleibt Jan Schmitts Film zu unbestimmt, verzichtet er auf allzu klare Worte. Lange Zeit betrachtet man „Mein Vater, sein Vater und Ich“ daher mit einer gewissen Ratlosigkeit, hört Episoden über das Mannheimer Geburtshaus von Wolfgang, in dessen Erdgeschoss sich die geradezu ironisch betitelte Kneipe „Paradies“ befand, hört von einem Mord, der in Wolfgangs Kinderzimmer passierte (lange vor seiner Zeit…) und sinniert über die Relevanz des Gezeigten.

Erst sehr spät kommt Jan Schmitt auf den Aspekt zu sprechen, der ihn wohl zu diesem Film bewegte: Bilder der Männlichkeit. Die Frage, was einen Mann ausmacht, was ein Mann tun sollte, wie er sich zu verhalten habe, hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts deutlich gewandelt, ganz besonders natürlich im Schatten der kriegerischen deutschen Geschichte, des Nationalsozialismus und seiner Männlichkeitsrituale. Mit diesen Fragen im Sinne beschreibt Jan Schmitt seinen Vater und wiederum dessen Vater, die aus ganz anderen Generation stammen als er, der 1967 geborene, der langhaarige, weiche Junge, selbst. Interessante Fragen sind dies, die allerdings nur vage angesprochen werden, die man sich deutlich mehr im Mittelpunkt eines Films gewünscht hätte, der sich lange Zeit etwas zu sehr auf die Darstellung einer Familiengeschichte beschränkt, deren Universalität erst spät zum Tragen kommt.
 
Michael Meyns