Mein Weg nach Olympia

Vordergründig geht es in Niko von Glasows Dokumentarfilm „Mein Weg nach Olympia“ um Sportler bei den Paralympics 2012. Doch viel mehr geht es dem selbst behinderten Regisseur darum, von seinen Protagonisten Antworten über ihren Umgang mit ihren Behinderungen zu erhalten und damit sein eigenes Verhältnis zum Leben und zum Sport zu überdenken.

Webseite: www.senator.de

Deutschland 2013 – Dokumentation
Regie, Buch: Niko von Glasow
Länge: 85 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 17.10.2013

PRESSESTIMMEN:

"Eine unverkrampfte und selbstironische Reportage."
Cinema

"Jenseits allen Betroffenheitskinos gelingt es von Glasow, eine große Nähe zu seinen Protagonisten herzustellen. Witzig, intelligent und politisch unkorrekt nähert er sich dem Thema."
film-dienst

FILMKRITIK:

„Sport ist Mord“. Obwohl er ein Verfechter dieses Ausspruchs ist, machte sich Niko von Glasow daran, eine Dokumentation über behinderte Sportler und ihre Vorbereitung zu den Paralympics 2012 in London zu drehen. Dass Ergebnis ist ein sehr persönlicher Film, der sich nicht zuletzt deshalb von dem ähnlichen, unlängst gestarteten „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ abhebt, da Glasow selbst behindert ist. Die Vorsicht, mit der Nichtbehinderte oftmals Behinderten begegnen, um potentiellen Fettnäppchen zu entgehen, spielen hier keine Rolle. Vor allem aber kann Glasow als Contergan-Geschädigter aus eigener Erfahrung die Schwierigkeiten nachvollziehen, denen sich die porträtierten Sportler gegenübersehen.

Neben dem Sitzvolleyball-Team aus Ruanda, das etwas außen vor bleibt, hat Glasow vier Individualsportler besucht und auf ihrem Weg nach Olympia begleitet: Die deutsche Schwimmerin Christiana Reppe, die durch einen Tumor ihr komplettes rechtes Bein verlor. Den Amerikaner Matt Stutzman, der ohne Arme auf die Welt kam und erstaunliches Geschick mit den Füßen beweist, mit denen er auch Bogen schießt. Die in Bosnien geborene Aida Husic Dahlen, die von einer norwegischen Familie adoptiert wurde, ohne linken Unterarm und linkes Bein auf die Welt kam und Tischtennis spielt. Und schließlich der Grieche Greg Polychronidis, dessen Bewegungsfähigkeit durch eine Muskelatrophie stark eingeschränkt ist, und Rollstuhl-Boccia spielt.

Zwar wird dem Sport viel Platz eingeräumt, zeigt Glasow die erstaunlichen Leistungen, zu denen die Athleten trotz ihrer Behinderungen fähig sind, teilweise auch in stilisierter Superzeitlupe, doch ebensoviel Platz nimmt das Leben abseits des Sports ein. Hier erweist sich Glasows direkte Art, die oft etwas schroff, in Momenten fast unhöflich wirkt, als praktikables Mittel zum Zweck: Auf eine Weise, die sich ein Nichtbehinderter kaum trauen würde, stellt er direkte, bisweilen provokante Fragen über den Umgang mit der Behinderung, die täglichen Schwierigkeiten, Ziele und Träume, aber auch nach den Gründen für den sportlichen Ehrgeiz.

Anfangs hält Glasow die Paralympics für einen Showevent, bei dem Behinderte ausgestellt werden und die Gesellschaft für ein paar Tage ihre Probleme im Umgang mit Behinderten kaschieren kann. Für ihn selbst war Sport stets eine Qual, sei es das Schwimmen, das er mit nach Chlor stinkenden Becken verbindet, oder Turnübungen, die eher einer Form von Folter ähnelten. Durch die Begegnung mit den Sportlern, die auf ihre ganz persönliche Weise mit ihrer Behinderung umgehen und fast alle ganz „normale“, autarke Leben führen, wird eines deutlich: Eine Behinderung, egal welcher Art, ist nur so einschränkend, wie man selbst sich durch sie einschränken lässt. Dass ist weniger eine Erkenntnis, die Glasow gewinnt – angesichts seiner offensiven Art darf man davon ausgehen, dass der Regisseur ganz gut mit seiner Kurzarmigkeit leben kann – als die subtile Aussage, die „Mein Weg nach Olympia“ Behinderten wie mehr oder weniger „normalen“ Menschen mit auf den Weg gibt.

Michael Meyns