Mein wunderbares West-Berlin

Berlin gilt heute als eine der offensten und liberalsten Städte der Welt. Einen entscheidenden Anteil daran hat die homosexuelle Szene West-Berlins, die sich für sexuelle Freiheit, Gleichheit und ein vielseitiges Nachtleben einsetzte. „Mein wunderbares West-Berlin“ nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise durchs queere West-Berlin, von der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall. Entstanden ist ein sehr sehenswerter, gründlich recherchierter Film, der u.a. über die Pionierarbeit der West-Berliner Schwulenszene sowie das subkulturelle Nachtleben akkurat informiert.

Webseite: www.wunderbares-west-berlin.de

Deutschland 2017
Regie: Jochen Hick
Drehbuch: Jochen Hick
Darsteller: Klaus Schumann, René Koch, Rosa von Praunheim,
Romy Haag, Wolfgang Müller, Westbam
Länge: 90 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 29. Juni 2017

FILMKRITIK:

Berlin ist heute eine der angesagtesten Städte der Welt. Nicht zuletzt wegen seiner kulturellen Vielfalt, Offenheit und des subkulturellen Lebensgefühls. Regisseur Jochen Hick zeigt in seinem neuen Film, dass der Grundstein für all jenes in der homosexuellen Szene gelegt wurde. Dafür lässt er prominente und weniger prominente Protagonisten zu Wort kommen: von Aktivisten und Lebenskünstlern über Kulturschaffende und Regisseure bis hin zu Travestie-Stars und Clubbetreibern. Jochen Hick befasste sich vor drei Jahren in seinem Film „Out in Ost-Berlin“ bereits mit der schwulen Szene im Osten der damals geteilten Stadt. Hick, der bis heute zahlreiche Reportagen und Dokus u.a. für die ARD verwirklicht hat, widmet sich in seinen Produktionen oft soziokulturellen Inhalten und LGBT-Themen. Seine Weltpremiere erlebte „Mein wunderbares West-Berlin“ auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama Dokumente. Als nächstes plant Hick einen Film über das schwule Leben im Berlin nach dem Mauerfall. Dieses Werk wird seine Berlin-Trilogie abschließen.

„Mein wunderbares West-Berlin“ ist eine hochinteressante, aufwendige und penibel recherchierte Doku, die den Kinobesucher mitnimmt in eine Zeit, in der die West-Berliner Schwulenszene Pionierarbeit leistete. Pionierarbeit beim Erkämpfen von Grundrechten, (sexueller) Freiheit und Gleichberechtigung. Dass es heute z.B. in vielen Städten Deutschlands Aids-Hilfen, eine Vielzahl an Szene-Bars, ein vielfältiges Nacht- und Partyleben sowie CSDs gibt, ist vor allem den West-Berliner Aktivisten, Bürgerrechtlern und Homosexuellen zu verdanken.

Alles Genannte hat seinen Ursprung in West-Berlin, ebenso wie etwa der Teddy Award auf der Berlinale und andere, typisch queere „Berliner Institutionen“: von der Siegessäule über das Schwule Museum bis hin zum SchwuZ, dem Schwulenzentrum. All dies und noch viel mehr erfährt man in Hicks beachtenswertem Film. Die unzähligen befragten Zeitzeugen und Interviewten (u.a. Visagist René Koch, Maler Wilfried Laule oder Wieland Speck, Leiter der Berlinale-Sektion Panorama) geben ausführlich Auskunft über das damalige Leben. Dabei lässt Regisseur Hick nichts aus und widmet sich jeder „Entwicklungsstufe“ gleichsam ausgiebig und vielschichtig.

Das beginnt mit der Unterdrückung und Verfolgung vieler Homosexueller in den 50er- und 60er-Jahren. Grund dafür war der berüchtigte Paragraph 175, der dazu führte, dass es vielfach zu Verurteilungen und Razzien in Bars kam. Dieser, von den Nazis verschärfte Paragraph, stellte sexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe und wurde erst 1994 ersatzlos aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Doch die schwule Subkultur ließ sich nicht unterdrücken, im Gegenteil. Man ging für seine Rechte auf die Straße, es entstanden Organisationen der Schwulenbewegung und bald auch vermehrt Klappen (öffentliche Toiletten für anonymen Sex), Szene-Discos und Lederbars. Auch das zeigt der Film.

Die spannenden Erlebnisberichte seiner Gesprächspartner unterfüttert Hick mit aufwendig zusammengetragenem, teils extrem rarem Archivmaterial. Zu sehen gibt es u.a. Aufnahmen von Aktionen und Kundgebungen, Einblicke in einschlägige Etablissements oder auch TV-Ausschnitte von der Berichterstattung über eine tödliche Immunschwäche, die Berlin spätestens ab Mitte der 80er-Jahre mit voller Härte traf: HIV/AIDS. 

Weiterhin lebt der Film von den vielen bewegenden, skurrilen und heiteren Anekdoten, die die Befragten zu berichten wissen. So erzählt u.a. die Sängerin Romy Haag von ihrer gemeinsamen Zeit mit David Bowie und warum dieser sich mit Iggy Pop eine eigene Wohnung in Berlin nahm. Und andere berichten z.B. vom bunten Treiben in der legendären Disco „Dschungel“, die in den 80er-Jahren von den bekanntesten Popstars, Künstlern, Starlets und Promis besucht wurde: von Depeche Mode und Mick Jagger über Rainer Werner Fassbinder und Sylvester Stallone bis hin zu Prince, Barbara Streisand und Grace Jones.

Björn Schneider