Meine Brüder und Schwestern im Norden

Im Jahr 1990, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, wanderte die Filmemacherin Sung-hyung Cho als Studentin von Südkorea nach Deutschland aus. Ihr Heimatland Korea ist indes bis heute in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden geteilt. Nach ihrem Erfolg mit „Full Metal Village“, einer Doku über das Heavy-Metal-Festival in Wacken, widmete sich die Heimatfilmerin in „Endstation der Sehnsüchte“ und „Verliebt, Verlobt, Verloren“ der Beziehung zwischen Deutschland und Südkorea. Mit „Meine Brüder und Schwester im Norden“ unternimmt Sung-hyung Cho nun erstmals einen Ausflug ins abgeschottete Nordkorea. Dabei ist ein einfühlsamer Interviewfilm entstanden, der den Alltag der Menschen in der Diktatur ein Stück verständlicher macht.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

OT: My Brothers and Sisters in the North
Deutschland, Nordkorea 2015
Regie: Sung-hyung Cho
Mitwirkende:
Länge: 90 Min.
Verleih: Farbfilm
Kinostart: 14.07.2016
 

FILMKRITIK:

Gleich zu Beginn, im Landeanflug auf Nordkorea, klärt Sung-hyung Cho die Zuschauer über die Bedingungen auf, unter denen ihr Dokumentarfilm entstanden ist. Das nordkoreanische Regime ließ der Filmemacherin nämlich erwartungsgemäß keine freie Hand, sondern gab die Drehorte und -zeiten sowie die Interviewpartner als „Koproduzent“ vor. Außerdem musste Sung-hyung Cho die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, um eine Einreiseerlaubnis zu erhalten. Südkoreanern ist es nämlich untersagt, den Norden des Landes zu betreten, was umgekehrt übrigens ebenso der Fall ist. Weil Sung-hyung Cho die Reglementierungen von Anfang an offenlegt, wirken sie bei den folgenden Gesprächen im Hintergrund, wenn die Interviewpartner Anekdoten und Legenden über den kultisch verehrten Führer Kim Jong-un reproduzieren und das schöne Leben in Nordkorea loben. Dabei geht es nicht in erster Linie um Politik, sondern um den alltäglichen Arbeitsablauf in einem Spaßbad, einer Textilfabrik oder bei einem Bauernkollektiv an der „Agrarfront“.
 
In etlichen Propagandaplakaten am Wegesrand und den Volksliedern über das Vaterland, die die Näherinnen einer Kleiderfabrik oder die Kinder einer Erziehungsanstalt singen, tauchen als Konstanten immer wieder der Diktator Kim Jong-un und seine Arbeiterpartei auf, die das Leben in Nordkorea bis ins Private bestimmen. Samstags ist zum Beispiel ein offiziell verordneter „Tag der politischen Bildung“, an dem die Bürger Vorträge besuchen oder die Schriften der Führer studieren müssen. Ein Angestellter in einem pompösen Spaßbad erzählt, wie Kim Jong-un während der Bauarbeiten morgens um 2 Uhr die Baustelle besuchte, und betont, wie sehr ihn das zu noch besseren Leistungen angespornt habe. Überhaupt betonen die Menschen immer den großen Anteil, den der Führer am Gelingen verschiedener Projekte hatte.
 
Was „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ zu einem besonderen Dokumentarfilm macht, ist die Regisseurin selbst, die als interessierte Gesprächspartnerin und Fragestellerin selbst zu einer Protagonistin avanciert. Sung-hyung Cho unternimmt nicht den Versuch, die nordkoreanische Diktatur anzuprangern, obwohl es sicher ein Leichtes gewesen wäre, viele der beschönigenden und staatstreuen Aussagen etwa in einem Off-Kommentar zu relativieren. Stattdessen zeigt die Südkoreanerin ein aufrichtiges Interesse am Leben der Menschen in Nordkorea, ohne die Protagonisten in eine Ecke zu drängen. Mit der wertfreien Abbildung des geordneten Lebens- und Arbeitsalltags in Nordkorea gelingt es Sung-hyung Cho auch trotz der Auflagen während der Dreharbeiten, ein Gefühl für das Land zu vermitteln.
 
Manchmal brechen die Armut und die strengen Regeln, die in Nordkorea herrschen, dennoch durch. Als Sung-hyung Cho einen Bauern nach der Verteilung der Ernte fragt, erklärt dieser, dass der Reis nach Leistung verteilt wird: „Wer im Sozialismus nicht arbeitet, soll nicht denken, dass er essen kann,“ findet der Mann. Der Staat müsse nämlich mächtig und reich sein, damit es dem Einzelnen gut gehen kann. Dass das Wohl des Individuums unter dem Staatswohl steht, empfinden alle der Interviewpartner als Selbstverständlichkeit.
 
Christian Horn