Meine keine Familie

Nein, kein Tippfehler, sondern ein bedeutungsreiches Wortspiel: Der Filmemacher Paul-Julien Robert hat tatsächlich keine „kleine“ Familie. Sondern eigentlich gar keine – oder eine, die aus mehreren Hundert Personen besteht: Er wurde Ende der 70er-Jahre in die berüchtigte Friedrichshof-Kommune des Wiener Aktionismus-Künstlers Otto Mühl hineingeboren. Anhand von Originalaufnahmen von damals setzt sich Robert mit seiner Kindheit dort auseinander und konfrontiert seine Mutter mit Geschehnissen auf dem Friedrichshof, die vor allem für die Kinder traumatisch waren.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Österreich 2012
Buch und Regie: Paul-Julien Robert
Schnitt: Oliver Neumann
Produzenten: Oliver Neumann, Sabine Mose
Länge: 93 Minuten
Verleih: mindjazz Pictures
Kinostart: 24. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:

"…faszinierend, provokativ, bewegend. Und absolut sehenswert." 
BR kino kino

FILMKRITIK:

Otto Mühl (1925–2013) war einer der radikalsten Aktionisten in Wien, eine Gruppe von Künstlern, die sich durch Aufsehen erregende Aktionen endgültig von den Resten des verlogenen Biedermeier der k.u.k.-Kunst lösen wollten und die trügerische Ruhe im bleiernen, revisionistischen Nachkriegs-Österreich störten. 1970 gründete Mühl zunächst in seiner Wiener Wohnung eine Kommune. 1972 erwarben die Kommunarden einen verlassenen Gutshof in der Parndorfer Heide. Bald schwoll die Gemeinschaft auf über 600 Personen an. Zentral waren radikale Lebensprinzipien. Gemeinsames Eigentum, freie Sexualität, keine festen Paarbeziehungen. Die Kinder sollten kollektiv aufwachsen und hatten zu ihrem Vater gar keine, zur Mutter nur ein eingeschränkte Beziehung. 1990 wurde die Kommune aufgelöst und Otto Mühl ein Jahr später wegen sexueller Nötigung zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Die Kommune verstand sich als utopisches Experiment, wollte späteren Generationen durchaus aber auch Vorbild sein. Deshalb wurde der Alltag penibel mit der Kamera dokumentiert. Paul-Julien Robert montiert große Teile seines Films aus diesem Archivmaterial, so dass das alltägliche Leben im Friedrichshof sehr plastisch wird. Dagegen schneidet er die Gegenwart: Gespräche mit seiner Mutter, die Suche nach seinem leiblichen Vater, Besuche bei anderen ehemaligen Kommune-Kindern, mit denen er noch befreundet ist.

Robert ordnet die radikalen Ideen der Kommunarden in den historischen Kontext ein, zeigt, wie die Ablehnung der Kleinfamilie, die mit der Erziehung eines Kindes überfordert sei, sich aus dem Versuch herleitet, mit den Verbrechen und dem Schweigen der Elterngeneration abzurechnen. Ja länger der Film aber dauert, desto größer wird der Abgrund, den er zeigt. Otto Mühl wurde im Lauf der Jahre immer stärker zu einem autoritären Diktator, der keinen Widerspruch duldete. Mit rabiaten Methoden versuchte er, die nach Wilhelm Reich so genannte „Verpanzerung“ der Kommunarden zu sprengen. Dazu gehörte vor allem die „Selbstdarstellung“, mit der das Subjekt tänzerisch zeigen sollte, wie weit es sich entwickelt hatte. Auch Kinder wurden dazu gezwungen. Sie wurden ständig bewertet, bekrittelt, bevormundet. Robert wuchs lange völlig ohne seine Mutter auf, die in der Schweiz Geld für die Kommune verdienen musste.

Aus „Meine keine Familie“ wird eine hochemotionale Aufarbeitung der Verletzungen, die den Kindern auf dem Friedrichshof zugefügt wurden. Besonders die Auseinandersetzung mit der Mutter, die die negativen Aspekte der Kommune zu Beginn völlig verdrängt hat, wird zu einem für Robert spürbar schmerzhaften Prozess. Umso erstaunlicher ist, dass er trotzdem nicht der Versuchung erliegt, die damaligen Geschehnisse zu Sensationalisieren. Jeder inquisitorische Gestus ist ihm fremd. So ist sein Film einerseits stellenweise beklemmend persönlich, andererseits aber auch das Porträt einer Generation, die mit den besten Absichten ein radikal neues Leben leben wollte und dabei selbst unbewusst die autoritären Muster der Eltern wiederholte.

Oliver Kaever