Melodys Baby

Zwei Frauen und ihre Träume einer Selbstverwirklichung stehen im Zentrum von Bernard Bellefroids bemerkenswertem Drama. Sie zu erfüllen schließen beide einen Pakt, mit dem an emotionale ebenso wie ethische Grenzen gegangen wird. Verhandelt werden dabei so kontroverse Themen wie Leihmutterschaft und anonyme Geburt. Für den belgischen Filmemacher gibt es dabei kein Richtig oder Falsch, sondern Mitgefühl und Verständnis für die Motivlage der Figuren. Diese ist in jedem Fall klar und schlüssig herausgearbeitet und glaubhaft gespielt.
Darsteller-Preis auf dem Montreal World Film Festival für Lucie Debay und Rachael Blake.

Webseite: www.mfa-film.de

Belgien/Luxemburg/Frankreich 2014
Regie: Bernard Bellefroid
Darsteller: Lucie Debay, Rachael Blake, Don Gallagher, Laure Roldan, Clive Hayward, Lana Macanovic, Julie Maes, Catherine Salée, Larisa Faber
94 Minuten
Verleih: MFA-Film Distribution, Vertrieb: Filmagentinnen
Kinostart: 14.5.2015
 

FILMKRITIK:

Mit der Einstellung einer wie ein Baby zusammengekauert auf einem Bett liegenden Frau beginnt der Belgier Bernard Bellefroid sein bemerkenswertes Drama über ein ethisch kontroverses Thema. Es bringt zwei Frauen zueinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und die doch beide angetrieben sind von einem jeweils ganz persönlichen Traum. Zunächst ist da die Mitte 20-jährige Friseurin Melody (Lucie Debay), die so gerne einen eigenen Salon eröffnen möchte, aktuell aber noch nicht einmal eine eigene Wohnung hat und zeitweise im Schlafsack in Treppenhäusern übernachtet und sich neue Kundschaft mittels Klingelputz generiert. Um auf legale Weise schnell an Geld zu kommen, bewirbt sie sich als Leihmutter. Dies bringt sie in Kontakt mit einer kinderlosen englischen Geschäftsfrau (Rachael Blake), die ebenfalls ziemlich genau weiß, was sie will, dafür aber wenigstens das nötige Taschengeld hat.
 
Bellefroid schildert diese ungewöhnliche Beziehung mit all ihren Aufs und Abs, die bei der Leihmutter spätestens dann kommen müssen, wenn sie spürt, wie in ihr ein Leben heranwächst, von dem sie sich vereinbarungsgemäß nach der Geburt wird trennen müssen. Nachvollziehbar, dass da plötzlich Eifersucht und Vertragsbruchgedanken auftauchen. In der Psychologie dieses Films sind aber auch noch die Mutter-Kind-Erfahrung von Melody sowie eine Situation der Engländerin zu berücksichtigen, die die Emotionen der Figuren wie auch der Zuschauer zusätzlich befeuern und auf die Probe stellen.
 
Stark an diesem Frauendrama ist, dass Bellefroid über die Motive der beiden für sich genommen auch einsamen Charaktere (was wieder zum Eingangsmotiv der Geborgenheit ausdrückenden Embryostellung passt) nicht urteilt, sondern ihren Weg mit ihnen geht – und dieses Angebot auch dem Zuschauer macht. Kritiker der in Deutschland verbotenen, in vielen europäischen Ländern wie Belgien und England aber erlaubten Gebärmutterleihe lässt er gar nicht erst groß zu Wort kommen, sondern konzentriert sich wie in einem Kammerspiel auf das gegenseitige und einvernehmliche Abkommen zwischen den beiden erwachsenen Frauen, die vom Alter her sogar Tochter und Mutter sein könnten, im Laufe der Zeit aber merken, dass die jeweils Andere etwas verkörpert, was sie selbst nie hatte.
 
Spannend an ihrer Gegensätzlichkeit ist, dass die eine mehr der Bauchmensch ist, die andere mit Rationalität an die Lösung, besser: Erfüllung ihres Traumes herangeht. Wer Position zum kniffligen Thema beziehen möchte, hat nach dem Kinobesuch auf alle Fälle ausreichend Gesprächsstoff. Einigkeit freilich sollte darüber bestehen, dass es Bernard Bellefroid gelungen ist, ein delikates Thema mit starken Darstellerinnen in eine vielschichtige Geschichte über eine ungewöhnlichen Beziehung zu packen, ohne dabei in Klischeefallen zu tappen.
 
Thomas Volkmann