Menachem & Fred

Eine doppelte Zusammenführung beschreibt diese Dokumentation: Zwei Brüder, zwei Holocaust-Überlebende, jahrzehntelang getrennt, begeben sich auf eine gemeinsame Reise in die Vergangenheit, treffen am Ende auf die Familie Hopp und reichen ihnen die Hand zur Vergebung. Eine interessante Geschichte, die mit einem Verzicht auf Rührseligkeit und melodramatische Musik noch stärker geworden wäre.

Auszeichnung als "MOST INSPIRATIONAL MOVIE OF THE YEAR" bei der CINEMA FOR PEACE GALA 2009

Webseite: www.filmlichter.de

Deutschland 2009 – Dokumentation
Regie, Buch: Ofra Tevet und Ronit Kertsner
Kamera: Klaus Sturm
Schnitt: Ronit Kertsner
Musik: Zbigniew Preisner
Länge: 91 Min.
Verleih: Filmlichter
Kinostart: 1. Oktober 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Geboren wurden sie als Heinz und Manfred Mayer im Städtchen Hoffenheim bei Heidelberg. Ganz normale deutsche Namen eigentlich, doch Heinz und Manfred waren Juden und wurden dafür schon als Kinder gehänselt. 1938 wurde die Familie vertrieben und in alle Winde verstreut. Die Eltern kamen in Birkenau ums Leben, die Brüder überlebten auf wundersame Weise. Erst in einem Konzentrationslager, später in einem Kinderheim. Nach dem Krieg zog es den älteren Manfred nach Amerika, wo er seinen Namen in Frederick Raymes änderte und nun im warmen Florida Golf spielt. Sein jüngerer Bruder Heinz dagegen wanderte nach Palästina aus und erlebte die Gründung des Staates Israel mit eigenen Augen. Er nahm den hebräischen Namen Menachem an.

Warum der Kontakt zwischen den Brüdern abbrach, lässt der Film offen, möglicherweise war die Erinnerung an gemeinsam Durchlittenes zu stark, der Wunsch zu vergessen zu groß. Bei Fred ging das Vergessenwollen sogar so weit, dass er die deutsche Sprache, mit der er immerhin aufgewachsen war, komplett vergessen bzw. aus seinem Gedächtnis verbannt hat. Ein wiedergefundener Brief der Eltern brachte die Brüder zusammen, für diesen Film begaben sie sich mit einiger Skepsis auf eine Reise in ihre alte Heimat.

Am Flughafen in Frankfurt treffen sie sich, dann geht es auf die Reise nach Hoffenheim, ein Ort, der selbst Bahnbeamten unbekannt zu sein scheint. Offenbar wurde vor einigen Jahren gedreht, bevor der überraschende Erfolg der Hoffenheimer Fußballer die Stadt bundesweit bekannt machte. Dieser Bezug ist kein Zufall, denn einer der Hoffenheimer Bürger, den die Brüder besuchen, ist Dietmar Hopp. Mit dem Softwarekonzern SAP kam Hopp zu großem Reichtum, wurde Mäzen der lokalen Fußballer und setzte viel daran, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten: Sein Vater war ein örtlicher SA-Mann und unmittelbar an der Vertreibung der Familie Mayer beteiligt.

Im Gegensatz zu ihren Kindern sind Menachem und Fred frei von Hass. Während sie der Familie Hoff und den heutigen Bürgern Hoffenheims die Hand zur Versöhnung reichen, wirken die Kinder, besonders die im Westjordanland lebende Tochter Menachems, unversöhnlich. Auf befremdliche Weise macht sich der Film ihre Haltung zu eigen, die Situation der Juden im von Israel besetzten Westjordanland mit der Situation im Dritten Reich zu vergleichen. Nicht der einzige Moment, in dem man sich etwas mehr Zurückhaltung gewünscht hätte. Fortwährend unterlegen die Regisseurinnen ihren Film mit dramatischer Musik, lassen Briefe, die die Mutter aus dem KZ geschrieben hat, mit bebender Stimme vorlesen, als wäre der Inhalt nicht ergreifend genug. Es ist das alte Leid, das Regisseure offenbar der Meinung sind, das mehr mehr ist, das sie nicht wagen, ihre Geschichte für sich sprechen zu lassen. Und gerade diese Geschichte zweier Brüder, die durch den Holocaust getrennt wurden und im Land der Täter wieder zueinander finden, wäre ohne jeden sentimentalen Ballast umso stärker gewesen.

Michael Meyns

Hoffenheim. Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die jüdische Familie Mayer wird auf Veranlassung des SA-Offiziers Emil Hopp deportiert. Es geht nach Südfrankreich in ein Internierungs- oder gar Gefangenenlager. Das Gebiet ist ab 1940 nicht deutsch besetzt, die Verwaltung obliegt den Franzosen.

Trotzdem kommen die gefangenen Juden von dort nach Auschwitz. So auch die Eltern Mayer. In Auschwitz werden sie ermordet.

Glücklicherweise haben sie kurz zuvor ihre beiden Söhne Manfred und Heinz, 11 und 8 Jahre alt, in ein Kinderheim geben können, wo diese zeitweilig versteckt werden müssen. Zuerst schreibt die Mutter noch Briefe. Dann nichts mehr.

Manfred soll auf den kleinen Heinz aufpassen, hatte der Vater zum Schluss noch gesagt.

Nach dem Krieg kommt es anders. Manfred, jetzt 17, will in die USA. Heinz soll mitkommen. Doch der will nicht.

Die Brüder haben nun jahrzehntelang keinen Kontakt mehr. Manfred, inzwischen „Fred“, verheiratet, mehrfacher Vater und von Beruf Raumfahrttechniker, schickt die alten Briefe der Mutter irgendwann an Heinz, inzwischen Menachem genannt, streng jüdisch-gläubig, als Siedler in der Westbank lebend, Professor, verheiratet und Vater mehrerer Kinder.

Die Brüder, nunmehr 70 oder darüber, treffen sich, sind gerührt. Sie unternehmen in Europa eine Reise durch die Vergangenheit: Hoffenheim, Gurs, wo das Internierungslager stand, Aspet, der Ort des Waisen- und Kinderheims, Auschwitz, der Ort der Massenmorde.

Doch nicht nur das. Die großen Familien der beiden Brüder, Ehefrauen, Söhne, Töchter, Enkel, die sich nicht kannten, werden zusammengeführt. Ein Fest – auch eine Gedenkfeier für die Toten.

Keine anderen als die Hopps, Nachkommen des SA-Führers Emil Hopp und heute SAP-Industrielle, haben die Zusammenkunft mit organisiert und finanziert.

Es ist ein nicht unwichtiges Dokument zu einem ernsten Thema geworden: das vergangene Böse nicht zu vergessen, aber zu versuchen, es wie in diesem Fall wenn möglich zu überwinden. Der subjektive Fall der Brüder Mayer und der Familie Hopp ist ein Versöhnungsbeispiel, das für die Allgemeinheit tauglich wäre – mit denkwürdigen und auch ein paar sentimentalen Szenen.

Thomas Engel