Messi and Maud

Ein klassisches Road Movie erzählt die holländische Regisseurin Marleen Jonkman in ihrem Debütfilm „Messi and Maud“, das in den atemberaubenden Landschaften Chiles entstand. Hierhin reißt Maud mit ihrem Freund, doch die Beziehung ist gespannt, denn Maud will unbedingt ein Kind. Im achtjährigen Jungen Messi findet sie eine Art Ersatz-Sohn, der sie begleitet und ihr dabei hilft, mit ihrem Leben in Einklang zu kommen.

Webseite: www.dejavu-film.de

La Holandesa
Niederlande/Deutschland 2017
Regie: Marleen Jonkman
Darsteller: Rifka Lodeizen, Cristóbal Farias, Guido Pollemans, Daniel Candia, Rodrigo Soto,
Koke Santa Ana, Carolina Diaz
Länge: 92 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 6. September 2018

FILMKRITIK:

Im tiefen Süden Chiles, in Patagonien, beginnt die Geschichte. Hierhin sind Maud (Rifka Lodeizen) und ihr Freund Frank (Guido Pollemans) gereist, um ihre Beziehung zu retten. Denn so nah sich die gut 40jährigen auch stehen, belastet Mauds unerfüllter Kinderwunsch doch ihre Liebe. Schnell wird für Maud klar, dass sie so nicht weitermachen kann, sie nimmt ihren Rucksack und reißt aus, allein in einem fremden Land, auch wenn sie die Sprache beherrscht.
 
Während ihr Frank immer wieder Nachrichten auf das Handy spricht, beginnt für Maud eine einsame Reise nach Norden. Zunächst auf einer Fähre, wo sie eine Mutter und ihr Baby kennenlernt und ein fast traumatisches Erlebnis hat, später in wechselnden Bussen und Mitfahrgelegenheiten. Bei einem Lift lernt sie schließlich den achtjährigen Messi (Cristóbal Farias) und dessen Vater kennen, der bald ihr alleiniger Begleiter wird.
 
Denn nachdem der Vater in betrunkenem Zustand aggressiv und übergriffig wird, nehmen Maud und Messi Reißaus und machen sich allein auf den Weg. Immer andere Geschichten erzählt Maud den wechselnden Menschen, denen das unterschiedliche Duo auf dem Weg nach Norden begegnet, vordergründig aus Vorsicht, aber eigentlich, weil sie selbst nicht genau weiß, wer sie eigentlich ist. Während sie eigentlich vorgibt, Messi zu seiner Mutter bringen zu wollen, entwickelt sich doch bald eine innige Beziehung zwischen Maud und Messi. Doch trotz aller Nähe ist beiden im Grunde klar, dass sie nur für kurze Zeit so etwas wie Mutter und Sohn sind.
 
Im Konstrukt eines klassischen Road Movies, dass die Struktur der Geschichte vorgibt, erzählt Marleen Jonkman von einem fast zeitgeistigen Thema: Dem unerfüllten Kinderwunsch einer modernen, nicht mehr ganz jungen westeuropäischen Frau. Wie genau das Leben dieser Maud in ihrer Heimat ausgesehen hat, erfährt man nicht, aber das spielt auch keine Rolle. Gerade das unbestimmte ihres Lebens, ihres Berufs etwa, macht sie zu einem Sinnbild einer Generation, die ihr Leben gleichermaßen offen leben, stets bereit, Neues auszuprobieren, sich treiben zu lassen, andererseits aber auch erwarten, dass das Leben so läuft, wie man sich das vorstellt. Brüche, ein Scheitern oder gar Schicksalsschläge sind da nicht vorgesehen und treffen dann um so schwerer.
 
Bruchstückhaft erfährt man im Lauf von Mauds Reise, wie sehr der Kinderwunsch an ihr nagte, was sie und ihr im Film bald abwesender, nur noch auf der Mailbox existenter Freund, unternommen haben, damit Maud endlich schwanger wird. Doch die Details dieses Scheiterns spielen letztlich keine wirkliche Rolle, vielmehr geht es um das langsame realisieren und akzeptieren, dass das Leben nicht immer so verläuft, wie es geplant ist. Im Laufe ihrer Reise, im Zuge all der Begegnungen, die Maud und Messi gemeinsam durchleben, reift diese Erkenntnis in Maud.
 
Auf dem Papier hört sich diese Beschreibung jedoch viel pointierter, ja subtiler an, als sie im Film ist. Ebenso wie viele der geschilderten Situationen wie Klischees anmuten – von der versuchten Vergewaltigung bis zu einer Begegnung mit ums Lagerfeuer sitzenden Hippies – scheint auch die Metapher der Reise in einem fremden Land als langsamer Weg zu sich selbst, wenig Originelles an sich zu haben. Doch Jonkman geht diese bekannte Struktur, diese erzählerischen Klischees so offensiv an, dass sie sich bald in den atemberaubenden Landschaften Chiles verlieren und sich etwas ganz Eigenes entwickelt.
 
Michael Meyns