Mia Madre

Nanni Morettis feinfühlige Hommage an seine Mutter erzählt in würdevollen Bildern vom Tabuthema Sterben. Bewegend verkörpert Giulia Lazzarini die kranke Mutter, während die renommierte italienische Schauspielerin Margherita Buy als gestresste "Film im Film"-Regisseurin überzeugt. Komplettiert wird das Generationen übergreifende Bild von der jungen Beatrice Mancini. Kunstvoll ausbalanciert zwischen Alltag und Komik, anmutiger Leichtigkeit auf der einen, Schmerz und Tragik auf der anderen Seite, gelingen dem großen Autobiographen des italienischen Kinos angenehm unsentimentale Frauenporträts.

Webseite: www.kochmedia-film.de/kino

Italien, Frankreich 2015
Regie: Nanni Moretti
Drehbuch:Nanni Moretti, Francesco Piccolo, Valia Santella
Darsteller: Margharita Buy, Giulia Lazzarini, Beatrice Mancini, John Turturro, Nanni Moretti, Stefano Abbati, Enrico Ianiello
Länge: 106 Minuten
Verleih: Koch Media
Kinostart: 19. November 2015
 

FILMKRITIK:

Hemmungslos prügeln Polizisten hinter Plexiglasschildern auf Demonstranten vor dem Fabriktor ein. Wasserwerfer drängen brutal in die Menge. Plötzlich ertönt aus dem Hintergrund eine laute Stimme. „Stopp, Stopp, Basta“, schreit Regisseurin Margherita (Margherita Buy) und bricht den Dreh ab. Aufgebracht will die engagierte Filmemacherin wissen, wer der Sadist an Kamera zwei sei. Seine Großaufnahmen der Schlägerei sind ihr zu gewaltverherrlichend. Entnervt schickt sie die Komparsen zum Trocknen und Umziehen. Gestresst dreht die Mutter einer pubertierenden Tochter (Beatrice Mancini) gerade einen sozialkritischen Film über einen Arbeitskonflikt in Rom.
 
Eine Druckerei wird an ausländische Kapitalgeber verkauft. Als ein neuer Boss aus Amerika kommt und Entlassungen drohen, besetzen die Arbeiter das Gelände. Um dem Film internationales Profil zu verleihen wird dazu extra der amerikanische Hollywoodstar Barry (John Turturro) nach Rom eingeflogen. Was nach einem politisch-motivierten Sozialdrama klingt, entwickelt sich dadurch bei den Dreharbeiten unfreiwillig fast zur Komödie. Denn der amerikanische Hauptdarsteller erweist sich als Chaot mit Starallüren. Ständig vergisst er auf dem Set seinen Text. Der Italo-Amerikaner John Turturro, die Ikone des amerikanischen Independent-Kinos, spielt ihn voller falscher Grandezza mit einzigartiger Selbstironie.
 
Aber Margherita plagen noch ganz andere Sorgen. Ihre Mutter Ada (Giulia Lazzarini) liegt im Krankenhaus. Den Gedanken, dass sie sterben wird, kann sie kaum ertragen. Während sich ihr Bruder Giovanni (Nanni Moretti) rührend um die kranke Mutter kümmert, schafft sie es kaum sich von ihrer aufreibenden Arbeit loszureißen. Von Schuldgefühlen geplagt, beginnt die Geschiedene zunehmend ihr Leben in Frage zu stellen. Einmal, erinnert sie sich schuldbewusst, fuhr sie das Auto ihrer Mutter absichtlich gegen eine Mauer. Sie wollte nicht mehr, dass diese noch fährt und sich oder andere gefährdet. Gut gemeint. Doch wer in das Gesicht der hilflos erschrockenen Mutter blickt sieht anderes.
 
Meist ist der Tod im Kino nur ein dramatischer Moment im actionreichen Geschehen oder eben der letzte tragische Schlusspunkt, auf den alles zusteuert. Nanni Moretti dagegen behandelt die Trauerthematik äußerst einfühlsam. Weder melodramatisch noch sentimental bestechen seine Bilder durch klassizistische Klarheit. Gekonnt spielt der 62jährige mit verschiedenen Zeit- und Phantasie-Ebenen. Subtil setzt das ehemalige „enfant terrible“ der italienischen Filmszene und konsequente Autorenfilmer dabei traumhafte Sequenzen und Rückblenden ein.
 
Morettis Wahl, seine eigene Rolle an eine Frau zu übertragen, überrascht zunächst. Sein Alter Ego Margherita, die am Ende eines harten Drehtages noch Essen für die Mutter kauft und zuhause Wäsche in die Maschine stopft, macht freilich schmerzlich klar, dass schon der normale Alltag einer arbeitenden Mutter eine Überforderung darstellt. Hinzu kommen noch Alpträume, etwa wenn sie mitten in der Nacht aufwacht und feststellt, dass die Wohnung überschwemmt ist. Verzweifelt wirft sie Zeitungen zum Aufsaugen in das knöcheltiefe Wasser – ein weiteres starkes Bild für ihren Stress.
 
Vergleiche mit Fellinis Meisterwerk „Achteinhalb“, einem Stück filmischer Selbsttherapie mit unendlicher Flut an Bildern oder  Wim Wenders „Der Stand der Dinge“ drängen sich zwar auf. Doch Morettis Inszenierung des „Film im Film“, sein Austausch zwischen Kunst und Leben, entstand wohl eher im Geist des Nouvelle-Vague-Regisseur François Truffaut. Denn seine „Amerikanische Nacht“ greift die Vergänglichkeit, Verletzbarkeit und Unwirklichkeit des Lebens am Set mit einer ebenso wohldosierten Mischung aus Tragik und Heiterkeit auf. Aber es wäre kein typischer Moretti-Streifen, wenn nicht ein wunderbar stimmiger Soundtrack den Ton angeben würde.
 
Fernab aller esoterischen Einflüsse sorgen diesmal die spirituellen glockenartig schwingenden Klänge von Arvo Pärts Klavierstück „Für Alina“ mit ihrem glasklaren Diskant und lichten Akkorden für eine besondere Aura. Gleichzeitig  liefert der ehemalige Frontmann der Band Pulp, Jarvis Cocker, mit seinem minimalistischen Nancy-Sinatra-Song „Baby's Coming Back To Me“ stimmungsvolle Harmonie. Tanz und Musik spielen in Nanni Morettis Filmen nicht erst seit „Caro diario“ eine wichtige Rolle. „In Wirklichkeit habe ich immer davon geträumt, gut tanzen zu können“, gibt er zu. Nicht zuletzt deshalb inszeniert er die Tanzszene für John Turturro als einen fragilen Moment, in dem alle Worte unzulänglich wären: heiter, lässig und traurig zugleich.
 
Luitgard Koch