Michael Kohlhaas

Ein Kohlhaas in den rauen Cévennen des 16. Jahrhundert statt in Brandenburg und Sachsen – Regisseur Arnaud des Pallières nutzt die Kleist-Novelle frei als Vorlage für eine eindrucksvoll gestaltete und schauspielerisch mit Mads Mikkelsen überragende Parabel über ausufernde Gerechtigkeit.

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Frankreich, BRD 2013
Regie: Arnaud des Pallières
Darsteller: Mads Mikkelsen, Bruno Ganz, Denis Lavant, Mélusine Mayence,
David Kross, Sergi Lopez, David Bennent
Länge: 122 Min.
Verleih: polyband Medien GmbH
Kinostart: 12. September 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.“ Dieser erste Satz aus der berühmten Novelle von Heinrich Kleist über einen entsetzlich Gerechten ist auch mehr als 200 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung von allgemeiner Aktualität: Allzu Gerechte, die mordend und brennend über das Land ziehen, gibt es von der Realität der RAF bis in den Pop neuerer Batman-Verfilmungen.

Trotzdem irritiert die neueste Kohlhaas-Verfilmung anfangs: Kleists maßloses deutsches Rache-Wesen „Michael Kohlhaas“ wurde von Arnaud des Pallières französisch interpretiert und in die wilde, südfranzösische Cevennen-Landschaft des 16. Jahrhundert versetzt. Anders als vom extrem klaren Kleist-Text her erwartet, galoppieren die Figuren in Natur und Naturalismus herum, was auf eigene Art Eindruck macht: Der Däne Mads Mikkelsen ist hier mit vom Sturm umtobten Haar sofort Michael Kohlhaas, wir erleben die Verschmelzung zu Mads Michaelsen Kohlhaas!

Im 16. Jahrhundert stößt der erfolgreiche und glückliche Pferdehändler Kohlhaas (Mads Mikkelsen) auf dem Weg zum Markt auf eine neue Zollschranke eines jungen Barons. Kohlhaas zweifelt die Rechtmäßigkeit des ihm aufgezwungenen Passierscheins an, muss aber zwei Pferde als Pfand zurücklassen. Die schönen Tiere und der sie betreuende Knecht findet er später geschunden zurück. Gegen dieses Unrecht reicht der ehrliche Mann erfolglos Klage ein. Seine geliebte Frau will ihm beim Kampf um Gerechtigkeit helfen, wird aber von den Untergebenen der Prinzessin von Navarra lebensbedrohend misshandelt und stirbt. Nun gibt Kohlhaas endgültig sein Gut auf, schickt die kleine Tochter weg und zieht mit Getreuen und Rebellen aus der Bevölkerung auf einen Feldzug gegen die ungerechte Obrigkeit. Brennend und mordend erzwingt er die Wiederaufnahme der Rechtssache, muss aber dafür die Waffen niederlegen. Kohlhaas geht auf die Bedingungen ein, erhält am bitteren Ende Gerechtigkeit – auch für seine Taten.

Regisseur Arnaud des Pallières verlegt die Handlung aus dem 16. Jahrhundert von Brandenburg und Sachsen in die Cévennen, eine karge, raue Region. Das bringt am Rande mit sich, dass Denis Lavant einen (nicht so genannten) Luther in einem wichtigen und auch hier großartigen Dialog spielen darf. Dass die Region und das Herrscherhaus in der französischen Geschichte für einen anders mörderischen Religionskonflikt steht, die Bartholomäusnacht folgt am 23. August 1572. Aber auch ansonsten ist der Transfer überaus gelungen: Man sitzt schließlich angesichts eines terroristischen Übermaßes an Gerechtigkeit mit dem gleichen Schauder im Kino wie im Theater oder vor dem Buch. Mads Mikkelsen trumpft auch mit französischem Text und ein paar deutschen Sätzen (im Original) auf. Es bleibt ein großes Unrecht, dass „Michael Kohlhass“ im Wettbewerb von Cannes völlig untergegangen ist.

Vor allem die intensive Gestaltung und das exzellente Spiel geben dieser Kohlhaas-Variante ihr eigenes Existenz-Recht: Die Kamera von Jeanne Lapoirie lässt sowohl ruppige Landschaften als auch bedrückende Innenszenen eindringlich erleben. Im Gegensatz zu den deutschen Text-Anteilen sind die deutschsprachigen Schauspieler eher Randfiguren: Bruno Ganz, der größte Führer-Darsteller aller Zeiten, spielt nur die kleine, aber im moralischen Gespinst und der Schlussszene sehr wichtige Rolle des Gouverneurs. David Bennent stimmig die des geschundenen Knechtes und David Kross den Pater, der sich um Kohlhaasens Tochter kümmert. Bemerkenswert auch das prägnante Rebellen-Ensemble unter anderem mit Sergi Lopez, der die räumliche Nähe zu Spanien sprachlich voll ausspielen darf.

Letztendlich gibt Arnaud des Pallières der eindringlichen Kleistschen Warnung vor maßloser Gerechtigkeit ein unerwartetes, aber starkes neues Gesicht. Dabei ist nicht nur ein wiedermal überragender Mads Mikkelsen eine Attraktion und ein Grund ins Kino zu gehen.

Günter H. Jekubzik

Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ ist ein klassisches, seit zwei Jahrhunderten gültiges Paradebeispiel für den Kampf um einem zustehende Gerechtigkeit, für den Kampf „unten gegen oben“. Die Geschichte spielt im 16. Jahrhundert.

Kohlhaas ist Pferdehändler. Er will Tiere verkaufen, trifft jedoch unterwegs auf eine illegale Zollstelle. Der zuständige Lehnsherr, ein Baron, verlangt zwei wertvolle Rappen als Pfand. Kohlhaas bekommt sie zwar irgendwann zurück, aber in welchem Zustand: geschunden, blutig, verdreckt, erschöpft.

Er kämpft gerichtlich gegen diese Untat. Ohne Erfolg. Seine Frau will bei der Prinzessin Einspruch erheben, bekommt jedoch von einem untergebenen Beamten nur Phrasen vorgesetzt. Sie wird von den Schergen des Lehnsherrn derart schwer verletzt, dass sie daran stirbt.

Mit seinen Getreuen zieht Kohlhaas daraufhin gegen seine Unterdrücker los. Nach blutigem Kampf gegen die Anhänger des Lehnsherrn – der Baron selbst kann fliehen – und allgemeinem Aufstand erklärt er sich bereit, bis zur endgültigen rechtlichen Klärung die Waffen ruhen zu lassen.

Er bekommt zwar Recht, wird ausreichend entschädigt. Doch seine Auflehnung gegen die Obrigkeit kostet ihn auch das Leben.

Ein französischer Regisseur hat sich des Stoffes angenommen und die Geschichte in eine urige, waldreiche, gebirgige Region seines Landes (Cevennen) verlegt. Eine ausgedehnte, archaische, spätmittelalterliche Sache ist daraus geworden, die geduldige Teilnahme erfordert, aber in vielen Passagen höchst eindrucksvoll geraten ist. Zahllose Bilder von starker Intensität rollen ab. Für diejenigen hierzulande, die den Kleistschen Kohlhaas aus Sachsen oder Brandenburg kennen, mag das fremd wirken, aber das darf nichts ausmachen, und zudem kann man froh sein, dass im Kino wieder einmal ein solch klassischer Stoff aufgegriffen wird.

Bezüge zu heute sind unübersehbar, denn wann könnte der Kampf gegen Ungerechtigkeit je aufhören?

Mads Mikkelsen verkörpert den Kohlhaas. Er ist –von einer hervorragenden Kamera unterstützt – präsent, beeindruckend, seinen Gerechtigkeitssinn nie außer Acht lassend. Ein großer Pluspunkt für diesen Film.

Thomas Engel