Miles Davis: Birth of the Cool

Kaum ein Musiker des 20. Jahrhunderts war auch über sein Genre so einflussreich wie der Jazz-Trompeter Miles Davis. Wie seine Versuche, die Grenzen des Jazz zu überwinden, spätere Generationen beeinflusste, ist einer der vielen Aspekte von Stanley Nelsons im Ansatz zwar klassisch-konservativer, durch das zusammengetragene Material aber dennoch herausragender Dokumentation „Miles Davis: Birth of the Cool“.

Webseite: pieceofmagic.com

Dokumentation
USA 2019
Regie: Stanley Nelson
Länge: 115 Minuten
Verleih: Piece of Magic Entertainment/Filmagentinnen
Kinostart: 2. Januar 2020

FILMKRITIK:

Fast hätte Miles Davis die Violine gespielt. Seine Mutter wollte dem 13jährigen dieses klassische Instrument schenken, doch der Vater bestand auf einer neuen Trompete und der Rest ist Geschichte. Diese Episode ist eine von vielen, die das zwar nicht sehr lange – Davis starb 1991 mit nur 65 Jahren – aber enorm abwechslungsreiche, vielfältige, von Erfolgen und Krisen geprägte Leben des Musikers säumte.
 
Geboren 1926 in Illinois, aufgewachsen in East St. Louis, wo die Familie Davis zwar in verhältnismäßigem Wohlstand lebte, als Schwarze aber dennoch Opfer der damals noch besonders alltäglichen Diskriminierung wurden, fand Miles Davis schon in jungen Jahren zum Jazz. Als 18jähriger stand er bereits mit dem legendären Charlie Parker auf der Bühne, nahm ein paar Jahre später die Songs auf, die später als „Birth of the Cool“ veröffentlicht wurden und nicht nur den so genannten Cool Jazz begründeten, sondern auch ihn selbst als einen der coolsten Menschen seiner Ära etablierten.
 
Der jedoch vor allem im Ausland als Mensch und nicht als Schwarzer wahrgenommen wurde, in Paris etwa, wo er mit den Existenzialisten um Jean-Paul Sartre verkehrte und eine Liaison mit Juliette Gréco begann. Doch gerade die Selbstverständlichkeit, mit der Davis in Europa akzeptiert wurde, ließ in schon auf dem Rückflug nach Amerika in Depressionen verfallen, die zu seiner ersten von vielen Phasen schwerer Drogensucht führte. Und schon mit 29 zum ersten von vielen Comebacks und Neuerfindungen.
 
Allein diese erste Phase von Miles Davis Leben würde schon genug Stoff für einen abendfüllenden Film bietet, doch sehr viel mehr lag noch vor ihm: Fusion, Free-Jazz, Funkeinflüsse, ebenso viele Frauen wie Drogen, legendäre Konzerte wie berüchtigte Wutausbrüche und 1991 der tödliche Herzinfarkt.
 
Unvermeidlicherweise rasant bewegt sich Stanley Nelson durch das bewegte Leben seines Subjekts, doch Nelson, der sich mit Filmen über unterschiedlichste Aspekte der afroamerikanischen Kultur einen Namen gemacht hat, versteht es, Akzente zu setzen, im richtigen Moment innezuhalten, so dass sein selbst mit 115 Minuten viel zu kurz wirkender Film nie wie ein bloßes Abhaken wirft.
 
Wegbegleiter wie Herbie Hancock oder Quincy Jones, zeitgenössische Musiker wie Santana oder Flea, Liebschaften wie Juliette Gréco oder Frances Taylor kommen zu Wort, dazu hat Nelson viel, auch kaum bekanntes Archivmaterial zusammengetragen und zu einer mitreißenden Collage zusammengefügt. Nichts wird ausgelassen, auch die dunklen Aspekte von Davis Charakter, seine Süchte, die oft zu Gewalt gegen seine Frauen führte.
 
Als Einführung in Leben und Kunst von Miles Davis ist Stanley Nelsons „Miles Davis: Birth of the Cool“ uneingeschränkt zu empfehlen, aber auch Kenner eines der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts werden viel Neues entdecken können. So intensiv lebte Miles Davis, dass sein Leben und seine Karriere nicht so schnell zu Ende erzählt sein werden. Und seine Musik ist ohnehin unsterblich.
 
Michael Meyns