Milla meets Moses

Eine ganz und gar unkonventionelle Liebesgeschichte: die 16-jährige, schwerkranke Milla verliebt sich in den älteren, mit reichlich krimineller Energie ausgestatteten Moses, der ziellos durch den Tag irrt. Gemeinsam erleben sie ein Feuerwerk unterschiedlichster Emotionen, an denen auch Millas schräge Eltern nicht ganz unschuldig sind. Die ebenso berührende wie eigenwillige Coming-of-Age-Tragikomödie „Milla meets Moses“ erzählt angenehm unsentimental von widersprüchlichen Gefühlen, Todesangst und überschäumender Lebenslust. Ein wagemutiger Film, der Tragik und Komik auf ungeschönte, rührende Art vereint. Ein höchst bewegendes Drama.

Marcello Mastroianni Preis als Bester Nachwuchsdarsteller in Venedig 2019 für Toby Wallace

Website: www.x-verleih.de/filme/babyteeth/

Australien 2019
Originaltitel: Babyteeth
Regie: Shannon Murphy
Drehbuch: Rita Kalnejais
Darsteller: Eliza Scanlen, Toby Wallace, Essie Davis
Ben Mendelsohn
Länge: 118 Minuten
Kinostart: 08. Oktober 2020
Verleih: X Verleih

FILMKRITIK:

Die krebskranke Milla (Eliza Scanlen) trifft es schon bei der ersten Begegnung mit Moses (Toby Wallace) wie ein Blitz. Dass es sich bei ihm um einen Drogendealer und Herumtreiber handelt? Egal. Prompt nimmt ihn Milla mit zu sich nach Hause, um ihn ihren Eltern, Anna und Henry (Essie Davis, Ben Mendelsohn), vorzustellen. Anfänglich sind diese von Moses alles andere als begeistert, doch sie merken bald, wie gut er ihrer Tochter tut. Die Gefühlswallung verleiht dem Mädchen Auftrieb, ganz neuen Mut und eine unbändige Energie, die ebenso Anna und Henry ansteckt. Sie erklären sich bereit, Moses bei sich zu Hause aufzunehmen. Der neue „Gast“ konfrontiert sie schließlich mit ihren eigenen Dämonen.

„Unersetzlich“, „Now is good – Jeder Moment zählt“ oder „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“: Dramatische Romanzen über krebs- bzw. todkranke Teenager, die in der Liebe Kraft finden, sind in jüngerer Vergangenheit zu einem eigenen Sub-Genre geworden. Denn derart hoch ist die Anzahl dieser Art von Film, die seit Mitte des Jahrzehnts fürs Kino oder die Streaming-Angebote produziert wurden. Kinodebütantin Shannon Murphy liegt mit „Milli meets Moses“ inhaltlich nicht weit von genannten Produktionen entfernt, verwehrt sich aber dagegen, vorgefertigte Erwartungshaltungen des Zuschauers oder die gängigen Drama-Klischees zu erfüllen.

Das beginnt bereits mit der Einführung der Figuren, die alles andere als perfekt und glattgebügelt sind. Im Gegenteil: Murphy gesteht ihnen – menschliche – Schwächen zu, wodurch sie lebensecht und wahrhaftig erscheinen. Das betrifft vor allem die Eltern. Psychiater Henry etwa versorgt die eigene Frau mit Psychopharmaka und nimmt es mit der Treue nicht ganz so genau. Und Millas Mutter Anna, die nicht selten emotional instabil wirkt, vergisst schon mal, welche Medikamente sie sich an einem Tag eingeschmissen hat. In all diesen Augenblicken vereinen sich Tragik und Komik auf ungeschönte, rührende Art.

Murphy umschifft darüber hinaus meistens sehr gekonnt die Gefahr, bei dieser Thematik in Pathos, Voyeurismus und Kitsch zu verfallen. Lediglich in den letzten 20 Minuten ist der Film nicht ganz befreit von jenen typischen und überzogen melodramatischen, rührstückhaften Bildern, die viele ähnlich gelagerte Teenie-Romanzen prägen.

Bis dahin aber findet Murphy reichlich Platz für schwarzhumorige oder extrem ulkige, hier und da in Richtung „Fremdschäm-Moment“ schielende Szenen. So zum Beispiel am Esstisch der Familie, wenn Millas Eltern den Überlebenskünstler Moses kennenlernen. Apropos neue Bekanntschaft: Moses gehört zu den interessantesten, eigenwilligsten Charakteren des Films. Er ist viel älter als Milla, kriegt in seinem Leben wenig gebacken und stielt Medikamente von Henry. Dennoch ist er durchzogen von einer außergewöhnlichen Humanität und großen Sensibilität. Eine komplexe Persönlichkeit, beeindruckend und beachtlich abgeklärt verkörpert vom Briten Toby Wallace, der hier erst in seinem dritten Spielfilm zu sehen ist.

Die anderen Darsteller agieren ebenfalls brillant, nicht zuletzt Hauptdarstellerin Eliza Scanlen als Milla, die gekonnt zwischen rebellisch-aufmüpfigem Teenager und ums Überleben kämpfende, von der ersten Liebe euphorisierte Jugendliche changiert.

Björn Schneider


Krebs gilt als zweihäufigste Todesursache. Wohl niemand, der keine Betroffenen kennt. Entsprechend populär sind Bücher und Filme zu diesem Thema. Nach einem Theaterstück erzählt dieses tragikomische Drama von der 16jährigen Milla, die sofort begeistert ist, als sie den Freak Moses trifft. Die Eltern reagieren skeptisch. Doch dieser Moses tut ihrer krebskranken Tochter sichtlich gut. Für eine paar Drogen mehr, die Millas Vater besorgt, spielt der Junkie den fürsorglichen Freund. Ganz so unecht sind seine Gefühle freilich nicht. Der schwierige Balanceakt zwischen Tragik und Komik gelingt souverän. Mehr noch: Gönnt dieses Debütwerk seinen Figuren vielfältige Ecken und Kanten, die für Glaubwürdigkeit sorgen. Mit ruppigem Charme samt jener großen Lässigkeit, die Australier so perfekt beherrschen, entsteht ein höchst bewegendes Drama. Die letzte Sequenz am Strand entwickelt eine solch emotionale Wucht, dass wohl jeder bis zum Ende des Abspanns sitzen bleibt – und dem Meeresrauschen lauscht.

Die erste Begegnung ist ein Schock: Der junge Moses (Toby Wallace) springt auf dem Bahnsteig in Richtung des einfahrenden Zuges. Er rempelt die überraschte Milla (Eliza Scanlen) an und hält dann gerade noch rechtzeitig. Doch der Freak mit abgeraspelter Vokuhila-Frisur und reichlich Tätowierungen gibt sich schnell fürsorglicher als gedacht. Spontan kümmert er sich um das plötzliche Nasenbluten von Milla. Das Schnorren danach gehört für den mittellosen Junkie zur Routine. Die 16-Jährige stört das wenig, schließlich hat sie als Dank für die Spende einen Wunsch frei: Moses begleitet sie zum heimischen Abendessen, um die fürsorglichen Eltern zu schockieren.

Der Plan gelingt. Die Mutter ist vom neuen Freund der rebellischen Tochter wenig begeistert, nicht nur weil Moses die Tischmanieren eher locker nimmt, sondern mit seinen 23 Jahren um einiges zu alt erscheint. Andererseits hat Mutti wieder so reichlich Psychopharmaka eingeworfen, dass ihr Ärger schnell verfliegt. Die Pillen bekommt die labile Pianistin vom Gatten, einem Psychiater. Der wiederum greift selbst schon mal gerne zum Morphium seiner Patienten oder flirtet heftig mit der hochschwangeren Nachbarin. Gleichwohl sind Henry und Anna fürsorgliche Eltern für ihre einzige Tochter, die schwer an Krebs erkrankt ist.

Als frischer Wirbelwind mischt Moses die verkrusteten Strukturen der schrecklich netten Familie gehörig auf. Wobei der Held durchaus als Hallodri durchgeht: Ob er am Medikamentenschrank des Psychiaters seine Vorräte als Drogenhändler auffrischt. Oder Milla nachts völlig alleine auf einer Parkbank zurücklässt. „Liebst du mich?“ fragt der Teenager einmal. „Es ist kompliziert“, bekommt sie als Antwort. Ähnliche Fragen werden sich auch die Eltern bald stellen. Derweil die Krankheit für Milla zunehmen schwerer zu ertragen ist.

„Milla trifft Moses auf Bahnsteig 4“, „Ein bisschen high“, „Romanze (Teil 2“) – mit solch hübschen Überschriften werden die kleinen Kapitel der Geschichte vorgestellt. Damit wird ein heiterer Grundton gesetzt, der sich in reichlich Situationskomik fortsetzt. Von der vielfach verpeilten Mutter über die liebestolle Nachbarin bis zum titelgebenden Milchzahn, den Milla auf zauberhafte Weise endlich verlieren wird. Diese Leichtigkeit ist freilich nur der Zuckerguss für ernste Themen. Verlustängste. Suchtprobleme, Vertrauenskrisen und natürlich, auf welche Weise sich Krebskranke und Angehörige diesem Schicksal stellen.

Shannon Murphy gelingt in ihrem Debüt nicht nur souverän die Balance zwischen Tragik und Komik, sie umgeht geschickt die Kitsch-Klippen und setzt auf Gefühle statt Sentimentalität. Das herausragende Ensemble sorgt für die notwendige Glaubhaftigkeit. Essie Davis („Assassin’s Creed“) und Ben Mendelsohn („Star Wars: Rogue One“) überzeugen als verzweifelnde Eltern.

Eliza Scanlen („Little Woman“) und Toby Wallace („Romper Stomper“) bieten als charismatisches Pärchen unaufdringliches Empathie-Potenzial. Ziemlich ungerecht, dass lediglich Wallace beim Filmfestival Venedig als Bester Darsteller auf das Siegertreppchen durfte.

Als Höhepunkt mit Klassiker-Qualitäten erweist sich die letzte Sequenz am Strand, die eine emotionale Wucht entwickelt ohne jenes schale Gefühl, manipuliert zu werden: „Tempo“-Alarm bis zum Ende des Abspanns.

Dieter Oßwald