Millionen

Was passiert, wenn es tatsächlich passiert? Wenn man Woche für Woche tippt – und plötzlich tatsächlich im Lotto gewinnt? Regisseur Fabian Möhrke erzählt davon in seinem Regie-Debüt. In diesem Fall bringt der Gewinn das Leben einer Familie ziemlich durcheinander. Plötzlich stehen alle Türen offen, aber durch welche soll man gehen? Möhrke macht daraus ein stilles Drama ohne Lamoryanz. Die Hauptrollen besetzt er mit großartigen, unverbrauchten Theaterdarstellern.

Webseite: www.dropoutcinema.org

Deutschland 2013
Regie und Buch: Fabian Möhrke
Darsteller: Andreas Döhler, Carola Sigg, Levin Henning, Godehard Giese, Annika Ernst, Rainer Winkelvoss
Länge: ca. 84 Minuten
Verleih: Drop-Out Cinema
Kinostart: 3. Juli 2014

FILMKRITIK:

22 Millionen. So viel gewinnt Torsten (Andreas Döhler) im Lotto. Ein unfassbarer Betrag. Einer, der das Leben leichter machen sollte. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn eigentlich ist Torsten zufrieden mit seinem Leben. Er hat einen Job, ein Auto, ein Haus, er ist glücklich mit Suse (Carola Sigg) verheiratet. Wofür braucht er 22 Millionen, was soll er damit anfangen? Suse ist pragmatischer als er, sie weiß sofort, was sie will. Sie kündigt und eröffnet einen Laden für Kindermode in Berlin. Und Torsten? Hängt herum. Kauft sich lustlos einen Porsche. Kauft ein Ferienhaus an der Ostseeküste, in dem er sich langweilt. Schenkt seinem besten Freund und dessen Frau eine Million, damit sie befreundet bleiben können – nur damit die mit der Kohle nach Frankreich auswandern. Und auch zwischen Torsten und Suse stimmt plötzlich nichts mehr.
 
Ist das jetzt eine verfilmte Binsenweisheit? Dass Geld nicht glücklich macht, wissen wir doch längst. Nein, „Millionen“ ist kein Film über Geld und plötzlichen Reichtum. Der Gewinn an sich spielt eine Nebenrolle. Nur in einer Szene ist ein Haufen Geld zu sehen, eine Million liegt da auf dem Küchentisch. Merkwürdig sieht das aus, ein wenig obszön gar. Ansonsten bleibt der Lottogewinn unmittelbar, ungreifbar. Es stimmt ja auch – was soll eine Familie mit soviel Geld, wenn sie doch schon alles hat?
 
Die 22 Millionen Euro setzen in dieser Geschichte also eher eine Energie frei, mit der vor allem Torsten nicht umgehen kann. Schon als er von dem Gewinn erfährt, verschwindet er durchs Bürofenster. Er will fliehen vor dem, was andere – allerdings in Unkenntnis der konkreten Situation – als ihr größtes Glück bezeichnen würden. Torsten will keine Veränderung, er will keine plötzliche Freiheit, er will, das alles so bleibt, wie es ist. Insofern erzählt „Millionen“ von der Schwierigkeit, im Leben flexibel zu bleiben, es als etwas Offenes zu verstehen. Und neue Umstände als Chance anzunehmen.
 
Regisseur Fabian Möhrke erzählt diese Geschichte ernst, aber nicht verkrampft. Er bleibt in der Distanz, auch mit seinen tastenden Bildern, die meist in der Halbtotalen verharren. Gleichzeitig fächert er das Alltagsleben dicht und realistisch auf. Klug inszenierte Plansequenzen helfen dabei, den Zuschauer ins Geschehen zu ziehen. Vor allem die Dialoge funktionieren großartig und wirken wie direkt aus dem Leben entnommen. Ein besonders glückliches Händchen beweist Möhrke bei der Besetzung der beiden Hauptrollen – Andreas Döhler und Carola Sigg kennt man bisher nur aus unauffälligen Nebenrollen. Hier geben sie zwei Menschen wie Du und Ich ein Gesicht und laden durch ihre direkte, unverstellte Performance zur Identifikation ein. Wie überhaupt der Zuschauer bei „Millionen“ ständig das Verhalten der Protagonisten mit seiner eigenen Projektion abgleicht. Was wäre wenn? – diese Frage stellt sich hier wohl jeder.
 
Oliver Kaever