Miral

Julian Schnabels neuer Film trägt den Namen einer roten Wüstenblume und erzählt dabei von zwei Frauen, die auf unterschiedlichen Wegen in den alten Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser hineingezogen werden. Als Plädoyer für Frieden und Gewaltlosigkeit will das New Yorker Multitalent seine Arbeit verstanden wissen.
In den Hauptrollen agieren u.a. Freida Pinto ("Slumdog Millionär") und Hiam Abbas ("Die syrische Braut", "Lemon Tree").

Webseite: www.prokino.de

F/I/ISR/IND 2010
Regie: Julian Schnabel
Drehbuch: Rula Jebreal nach ihrem Roman
Kamera: Eric Gautier
Schnitt: Juliette Welfling
Darsteller: Freida Pinto, Hiam Abbas, Alexander Siddig, Yasmine Al Masri, Omar Metwally, Ruba Blal, Willem Dafoe
Länge: 112 Minuten
Kinostart: 18.11.2010
Verleih: Prokino/Fox
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser scheint ein fortwährender. Bis heute scheiterte jeder Versuch, eine Friedenslösung zu etablieren. Vor der Kulisse dieser traurigen, wenig ermutigenden Realität formuliert „Miral“ gleichwohl eine Geschichte voller Hoffnung oder – wie es Regisseur Julian Schnabel etwas überhöht ausdrückt – einen unmissverständlichen Ruf nach Frieden. Dabei handelt der auf einem Roman der palästinensischen Journalistin Rula Jebreal basierende Film eigentlich von zwei Frauen, deren Wege das Schicksal eines Tages zusammenführte. Eine davon, Miral (Freida Pinto), kommt nach dem tragischen Selbstmord ihrer Mutter in das berühmte Waisenhaus Dar-Al-Tifl in Ostjerusalem. Dort genießt sie anders als viele ihre Altersgenossen eine gute Ausbildung und Erziehung. Geleitet wird die Schule von der resoluten, sich aufopferungsvoll für die Belange der Kinder einsetzenden Hind Husseini (Hiam Abbas). Für sie behalten Menschlichkeit und Gewaltfreiheit auch in Zeiten des Krieges ihre Gültigkeit.

Schnabel beginnt seine Erzählung bei der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948. Wir lernen Hind als junge, engagierte Frau und Anwältin für die Rechte ihrer Schützlinge kennen, die sich auch von Autoritäten keinesfalls einschüchtern lässt. „Miral“ ist zunächst ihr Film. Später dann wechselt Schnabel die Perspektive und beleuchtet das Leben von Mirals Eltern (Yasmine Al Masri, Alexander Siddig) und das ihrer Tante (Ruba Blal). Erst in der zweiten Hälfte fällt der Fokus auf die von „Slumdog Millionaire“-Star Freida Pinto verkörperte Titelfigur. Kurz vor Ausbruch der ersten Intifada lernt Miral ihren Freund Hani (Omar Metwally) kennen, der sie mit radikalen Ideen in Kontakt bringt. So unterstützt er als Mitglied der PLO aktiv den gewaltsamen Kampf der Palästinenser. Miral kann er schließlich zu einer folgenschweren Dummheit überreden.

Angekündigt als Schnabels „bislang persönlichster Film“ trägt „Miral“ erkennbar die Handschrift des New Yorker Multitalents. Wie schon in „Schmetterling und Taucherglocke“ nimmt das Spiel mit Licht, unterschiedlichen Schärfen und Farben weiten Raum ein. Die gewollte Abkehr von einer allzu dokumentarischen Darstellung gleicht Schnabel indes mit wiederkehrenden Archivaufnahmen des Israel-Palästina-Konflikts aus. Der historische Kontext ist von der ersten Einstellung als unüberhörbares Hintergrundrauschen präsent und untrennbar mit Mirals persönlichem Schicksal verwoben. Ihre Beziehung zum PLO-Aktivisten Hani bleibt jedoch in ihrer Darstellung recht oberflächlich, weshalb sich manche von Mirals späteren Entscheidungen nur sehr bedingt nachvollziehen lassen. Ohnehin leidet der Film etwas unter seinem Perspektivwechsel. Verglichen mit der jungen Miral ist deren selbstbewusste Förderin Hind nämlich die weitaus interessantere Figur.

Jebreals teils autobiographischer Roman orientiert sich an wahren Ereignissen und realen Vorbildern. Ihre Sicht ist die der Palästinenser, was sich so auch in Schnabels Film wiederfindet, der all denen gewidmet ist, die noch an ein friedliches Zusammenleben beider Kulturen glauben. Trotz diesem scheinbar salomonischen Bekenntnis bezieht „Miral“ unmissverständlich Stellung. Schnabel, der Sohn jüdischer Eltern, betont die Forderungen und Anliegen der palästinensischen Seite mit Verve und Patina. Inwieweit bei der doch recht einseitigen Schilderung auch eine Rolle spielte, dass der Regisseur und seine Autorin liiert sind, lässt sich nicht genau sagen. Mit der Zuspitzung der dramatischen Umbrüche in Mirals Leben, seinen voran gestellten Erklärungen zur politischen Lage und abschließenden Kommentaren tappt Schnabel letztlich in die Falle eines agitierenden Gutmenschenfilms.

Marcus Wessel