Mirikitanis Katzen

Manchmal ist der Zufall der beste Drehbuchautor. Eigentlich beobachtete die New Yorker Kamerafrau Linda Hattendorf nur, wie der Obdachlose Jimmy Mirikitani unweit ihres Hauses lebte und Bilder malte. Doch mit dem 11. September und den folgenden Entwicklungen erhielt das Schicksal Mirikitanis zusätzliche, mahnende Bedeutung. So entstand eine schöne Dokumentation über eine ungewöhnliche Freundschaft, über Kunst und die Gefahr von pauschalen Verurteilungen.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: The Cats of Mirikitani
USA 2006 – Dokumentation
Regie: Linda Hattendorf
Buch: Linda Hattendorf
Kamera: Linda Hattendorf
Schnitt: Linda Hattendorf, Keiko Deguchi
Musik: Joel Goodman
74 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 28. Februar 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Seinen Ausgangspunkt nahm dieses Projekt im Frühjahr 2001. In den Straßen von Soho lernte die als Kamerafrau und Cutterin arbeitende Linda Hattendorf den Obdachlosen Jimmy Mirikitani kennen. Für die Anwohner war er seit Jahren ein bekanntes Gesicht, der sich über U-Bahnschächten ein Quartier baute und mit dicken Jacken vor der Kälte schützte. Der aber vor allem erstaunliche Bilder malte, die thematisch vor allem um ein Thema kreisten: Gefängnislager. Wie Hattendorf erfuhr, war der 1920 geborene Mirikitani zwar amerikanischer Staatsbürger, doch mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg zählte nicht mehr der Pass, sondern nur noch die Herkunft. Und so wurde Mirikitani wie über 100.00 andere in Amerika lebende Japaner bzw. japanischstämmige Amerikaner in Internierungslager gesperrt. Unter schlimmsten Bedingungen mussten sie dort das Ende des Krieges abwarten und wurden zum Teil erst 1947 entlassen. 

Es ist dies eines der dunkelsten Kapitel amerikanischer Geschichte, das von der konventionellen Geschichtsschreibung gern ausgeblendet wird. Und das sich nach dem 11. September zu wiederholen drohte. Dieser Tag riss Hattendorf wie so viele New Yorker aus ihrem gewohnten Leben, während er Mirikitani äußerlich kalt ließ. Da gibt es eine Einstellung, die am Ende der Straßenschlucht das brennende World Trade Center zeigt und die Panik der Menschen, die voller Entsetzen in Richtung Süden blicken. Doch dann schwenkt Hattendorf zur Seite, wo Mirikitani wie immer über eine Bank gebeugt ist und malt.

Mit diesem Tag ändert sich das Verhältnis von Filmemacher und Subjekt. Die giftigen Dämpfe, die nach dem Einsturz der Gebäude bis nach Soho ziehen, veranlassen Hattendorf Mirikitani in ihr kleines Apartment einzuladen und sich fast mütterlich um ihn zu kümmern. Während sie nun versucht den Maler in das staatliche Versorgungssystem zu integrieren, ihm Sozialhilfe und medizinische Betreuung zu verschaffen, sitzt Mirikitani oft vor dem Fernseher und sieht, wie sich nun arabischstämmige Amerikaner willkürlichen Angriffen ausgesetzt sehen. Hier hat der Film seine stärkste, beklemmendste Phase. Dokumentaraufnahmen aus den 40er Jahren, die Mirikitanis Schicksal nachzeichnen spiegeln die aktuellen Fernsehnachrichten und erwecken den Eindruck, dass sich die Geschichte zu wiederholen beginnt.

Die Folgen, die das Erlebte auf Mirikitani hatte, die Erfahrung als Bürger einer Nation seiner Rechte entzogen zu werden, zeigen sich in Kleinigkeiten. Einem grundsätzlichen Misstrauen in staatliche Organisationen, seiner Entscheidung jenseits der Gesellschaft zu leben, seine Verschlossenheit, die selbst Hattendorf nur in Momenten durchbrechen kann. All das macht „Mirikitanis Katzen“ zu dem eindrucksvollen Dokument eines Einzelschicksals, in dem sich vielfältige gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände spiegeln.

 

Michael Meyns