Miss Kiet’s Children

Unweigerlich kommt bei Petra Lataster-Czisch & Peter Lataster Dokumentation „Miss Kiet's Children“ der von Nicolas Philibert gedrehte „Sein und Haben“ in den Sinn, der auf ganz ähnliche, behutsam beobachtende Weise eine Schule porträtierte. Der feine Unterschied ist, dass es sich hier um eine Klasse von Flüchtlingskindern handelt, was sich auf unterschwellige Weise äußert.

Webseite: www.dejavu-film.de

Dokumentation
Niederlande 2016
Regie & Buch: Petra Lataster-Czisch & Peter Lataster
Länge: 114 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 7. Dezember 2017

FILMKRITIK:

In dem kleinen Dorf Hapert in der niederländischen Provinz unterrichtet Frau Kiets eine Grundschulklasse. Sieben bis acht Jahre sind die Kinder, die von ihrer Lehrerin mit einer Ruhe und Geduld gebändigt werden, die bemerkenswert ist. Egal was die Kinder anstellen, ob sie sich streiten, sich ungerecht verhalten, mürrisch oder traurig sind: Frau Kiets behält stets die Ruhe, spricht zu den Kindern und bemüht sich, ihnen neben manch anderem, vor allem auch Werte beizubringen.
 
Ganz durchschnittlich wirkt die Klasse, doch es gibt eine Besonderheit: Frau Kiets unterrichtet Flüchtlingskinder, die zwar schon einige Zeit in den Niederlanden zu leben scheinen – alle beherrschen die Sprache recht gut – deren Herkunft, deren Schicksal und mit ihm fast unweigerlich auch traumatische Erlebnisse, sich jedoch immer wieder zeigen. Das Mädchen Haya etwa agiert oft ungestüm und ausgelassen, ist forsch und in manchen Momenten fast aggressiv. Die beiden Brüder Jorj und Maksem dagegen sind oft extrem verschlossen, hängen sehr aneinander und sind in manchen Situationen kaum zu beruhigen. Auf die Schicksale der Kinder wird nun jedoch nicht explizit eingegangen, was sie auf der Flucht aus ihren Heimatländern möglicherweise erlebt haben, bleibt offen. Doch dass sie nicht in dem Maße behütet und unbeschwert aufgewachsen sind, wie ihre in den Niederlanden aufgewachsenen Mitschüler, denen sie auf dem Pausenhof begegnen, schwingt ständig mit.
 
Fast der komplette Film des deutsch-niederländischen Regie-Duos spielt im Klassenzimmer von Frau Kiets und zeigt in Halbnah- und Nahaufnahmen vor allem die Gesichter der Kinder, die mit meist großer Aufmerksamkeit ihrer Lehrerin zuhören. Jegliche kleinen Probleme und Streitigkeiten beschwichtigt diese mit einer Art, in der man gleichermaßen eine erfahrene, wie eine passionierte Lehrerin erkennen kann. Ende 40 mag Frau Kiets sein, die vermutlich – auch in Bezug auf ihren Hintergrund gibt es keine weiteren Informationen – schon seit langem an dieser Schule unterrichtet, schon viele Schüler hat kommen und gehen gesehen, schon alles erlebt, jedes Problem gelöst hat.
 
Das sie dennoch mit einer offensichtlichen Freude an ihrer Arbeit unterrichtet, immer wieder aufs Neue erklärt und anleitet, macht sie so besonders und macht „Miss Kiet's Children“ auch zu einem Plädoyer für eine bestimmte Art der Schule. Nicht nur als Ort des Lernens, wo ganz bestimmtes Wissen vermittelt wird, sondern vor allem als Ort, an dem Werte gelehrt werden, an dem Schülern mit ganz unterschiedlicher Herkunft ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt werden soll, dass ihnen bislang möglicherweise versagt gewesen ist.
 
Ob die hier porträtierte Schule emblematisch für Grundschulen in den Niederlanden ist, spielt dabei kaum eine Rolle, denn als Vorbild für einen humanistischen Geist im Unterricht taugen Frau Kiets Lehrmethoden und vor allem ihr Wesen in jedem Fall.
 
Michael Meyns