Mistaken for Strangers

Die amerikanische Indie-Rockband The National besteht aus zwei Brüderpaaren und Frontmann Matt Berninger. Auch der Sänger und Texter hat einen jüngeren Bruder, aber der drehte bis vor Kurzem lieber Amateur-Splatterhorror. Jetzt hat Tom Berninger über eine Europa-Tour von The National einen Film gedreht – obwohl er eigentlich auf Heavy Metal steht. Herausgekommen ist ein rasend unterhaltsamer Mix aus Musik-Doku und Selbstfindungstrip.

Webseite: www.neuevisionen.de

USA 2013
Regie: Tom Berninger
Produzenten: Matt Berninger, Carin Besser, Craig Charland
Schnitt: Tom Berninger, Carin Besser
Länge: 75 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Kinostart: 10. Juli 2014
 

FILMKRITIK:

Dass Tom Berninger The National bei ihrer „High Violet“-Tour filmte, ist einer Therapie-Maßnahme seines Bruders Matt zu verdanken. Der bot Tom einen Job als Roadie an, um ihn aus seinem süßen Nichtstun zu befreien. Tom hatte bis dahin ein bisschen Film studiert und einige Kurzfilme gedreht, war dann aber bei Mama und Papa auf dem Sofa versackt. Für die Tour in Europa, bei der The National endgültig ihren Durchbruch feierten, packte er seine Kamera ein und filmte, was so passierte. Eine Backstage-Doku mit blöden Witzen, saufenden Rockmusikern und vielen Groupies schwebte ihm vor. Daraus wurde eher unabsichtlich ein Konzertfilm und ein bittersüßes Geschwister-Soziogramm, bei dem Tom selbst unerwartet die Hauptrolle übernahm.
 
Er nervt die unendlich geduldigen und schüchternen Bandmitglieder mit ausgesprochen dämlichen Fragen. Er besäuft sich allein im Tourbus, wenn das schon niemand sonst macht. Versäumt ständig wichtige Termine oder versemmelt Aufgaben und wird schließlich, in Absprache mit Bruder Matt, vom Tour-Manager gefeuert. Den Ruhm der Band und seines Bruders erlebt er aus der Position des Zaungastes, wenn Promis wie Werner Herzog oder gar Barack Obama zum Händeschütteln anrücken, hat Tom zu verschwinden.
 
Die Szenen mit Tom und Matt leben von ihrem teilweise absurden Witz und einer komplizierten Gefühls-Gemengelage. Tom wirkt unter seiner Klassenkasper-Attitüde sehr verloren und versteckt seine Bewunderung für Matt; der kümmert sich rührend, agiert oft aber auch arrogant und unwirsch. So wird aus „Mistaken for Strangers“ eine rasend unterhaltsame Betrachtung von Ruhm und Kreativität, von Selbstverwirklichung und Familienbanden. Und ist fast nebenbei die denkbar intime Betrachtung des Innenlebens einer Band, die der Film auch mit mitreißenden Konzert-Aufnahmen in Aktion zeigt.
 
Damit bestätigt sich nach dem Tod des Musikfernsehens einmal mehr die Renaissance der Musik-Doku. Sie darf endlich wieder ins Kino, um große Geschichten zu erzählen und wird nicht mehr zu reinen Werbezwecken missbraucht. Viele Titel der letzten Zeit, darunter „Searching for Sugar Man“, „Marley“, „It Might Get Loud“ oder „Beware of Mr. Baker“ schüren ein neues Interesse an dem lange siechenden Genre. „Mistaken for Strangers“ setzt diese Reihe weiter fort.
 
Der Film überzeugt nicht nur mit seiner ungewöhnlichen Erzählperspektive, er ist auch stilistisch großartig – und das gerade durch seinen wie hingeworfen wirkenden Tonfall. Aber „Mistaken for Strangers“ ist eben doch mehr als das rustikale Home-Video, als das der Film zunächst rüberkommt. Wer beim Abspann sitzenbleibt, wird mit einer mitreißenden Konzertsequenz belohnt, die auch das Verhältnis der Brüder visuell auf den Punkt bringt.
 
Oliver Kaever