Mistress America

Immer mehr entwickelt sich Noah Baumbach zu einem neuen Woody Allen, durch den Einfluss seiner Muse Greta Gerwig aber zu einem, den nicht die Befindlichkeiten neurotischer New Yorker Männer interessieren, sondern die Befindlichkeiten neurotischer New Yorker Frauen. So eine spielt die außerordentliche Greta Gerwig auch in "Mistress America". Ein pointierter, fein beobachteter Film über Lebensträume von jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen.

Webseite: www.MistressAmerica-derFilm.de

USA 2014
Regie: Noah Baumbach
Buch: Noah Baumbach und Greta Gerwig
Darsteller: Greta Gerwig, Lola Kirke, Heather Lind, Cindy Cheung, Jasmine Cephas Jones, Matthew Shear
Länge: 84 Minuten
Verleih: FOX
Kinostart: 10. Dezember 2015

Pressestimmen:

"Die Komödie erzählt mit großer Zärtlichkeit von einer New Yorker Lebenskünstlerin, die in ihrer wunderbaren Widersprüchlichkeit so nur von Greta Gerwig gespielt werden kann."
DER SPIEGEL

FILMKRITIK:

"Jede Geschichte ist die Geschichte eines Verrats" heißt es ganz zu Beginn von "Mistress America", ein ganz beiläufig dahin geworfener Satz, der doch die Essenz des Folgenden ist. Gesagt hat ihn die junge Tracy (Lola Kirke), die gerade aus der amerikanischen Provinz nach New York gezogen ist, um Literatur zu studieren. Ihr Traum ist es, Geschichten zu schreiben, doch für Geschichten braucht man Erfahrungen, Erlebnisse, ein interessantes, am besten aufregendes Leben – und genau das hat die etwas biedere Tracy nicht. Die Rettung kommt in ihrer Stiefschwester in spe daher, Brooke (Greta Gerwig), die ziemlich genau das zu sein scheint, was Tracy gern wäre: redegewandt, elegant, voller Ideen, Plänen und Meinungen.

Tracy ist fasziniert von der 12 Jahre älteren Brooke, die in Tracy eine Art kleine Schwester sieht. Die Bewunderung, die Tracy ihr entgegenbringt, scheint Brooke kaum wahrzunehmen, scheint selbstverständlich zu sein. Bald wird Brooke zum Subjekt von Tracys Kurzgeschichten, zur Inspirationsquelle für ihre Fiktion, die sich allerdings viel kritischer mit der Realität auseinandersetzt, als es Tracy im Beisein Brookes tut.
 
Denn wie sie schnell merkt, ist Brooke zwar ein vor Ideen und Selbstvertrauen sprudelndes Energiebündel, doch weit hat sie es dennoch nicht geschafft. Ihre Ideen erweisen sich schnell als Luftschlösser, ihre Pläne zerplatzen so schnell, wie neue geschmiedet werden und so universell beliebt, wie sie zu sein glaubt, ist Brooke auch nicht. Als sie schließlich merkt, dass sie in Tracys Kurzgeschichten Verwendung findet, kommt es zum Eklat, der Tracy nötigt, ihr Leben und ihre Ziele zu hinterfragen.
 
Schon in "Der Tintenfisch und der Wal" bewies Noah Baumbach viel Gespür für die Nöte der amerikanischen Mittelschicht. Seit er bei der Arbeit an "Greenberg" Greta Gerwig kennen lernte – die inzwischen seine Lebensgefährtin ist – haben seine Filme jedoch eine neue Note bekommen, eine ganz andere Leichtigkeit und nicht zuletzt viel Humor. "Frances Ha" war der erste Film für den Baumbach und Gerwig gemeinsam das Drehbuch verfassten, ihre zweite Zusammenarbeit "Mistress America" ist nun eine Art Gegenstück, ein Weiterführen ähnlicher Ideen und Ansätze. Stilistisch zwar nicht mehr so elegant wie der in schwarz-weiß gedrehte "Frances Ha", ähnelt "Mistress America" durch seine unspektakulären, rein funktionalen Bildern noch mehr den Filmen Woody Allens. Nur das eben hier Frauen die Hauptrollen spielen.
 
Neben Gerwig ist das die junge Lola Kirke, die fast wie eine jüngere Version der ja auch noch jungen Gerwig wirkt. Gemeinsam bilden sie ein ungewöhnliches Tandem, dessen äußerliche Ähnlichkeiten sich bald als Fassade heraus stellt. Angesichts der pointierten Dialoge, der rasanten, in manchen Momenten fast Screwballartigen Inszenierung kann die große Qualität von "Mistress America" leicht übersehen werden: Die Subtilität der Figurenzeichnung. Ganz beiläufig offenbaren sich sowohl in Brooke als auch in Tracy Abgründe, Schwächen, aber auch ein Maß an Sensibilität, das anfangs gerade bei Brooke nicht zu spüren war. Unter seiner leichten, humorvollen Oberfläche erzählen Baumbach und Gerwig viel über die Illusionen einer Generation, die alle Möglichkeiten zu haben scheint, aber von diesem Überfluss oft geradezu gehemmt wird. In diesem Wust seinen eigenen Weg zu finden und nicht den durch Medien und soziale Netzwerke geprägten Vorstellungen eines Lebens, das man leben sollte, darum geht es in dem außerordentlichen "Mistress America".
 
Michael Meyns