Mit dem Herz durch die Wand

Sehr zutreffend ist der deutsche Titel von Clovis Cornillacs romantischer Komödie "Mit dem Herz durch die Wand", denn was die beiden hier füreinander Bestimmten trennt, ist tatsächlich eine Wand. Aus seinem phantastischen Konzept macht Debütregisseur (und Hauptdarsteller) Cornillac einen hübschen, manchmal etwas klamaukigen, in seiner Metaphorik aber erstaunlich zeitgemäßen Liebesfilm.

Webseite: www.mitdemherzdurchdiewand.de

OT: Un peu, beaucoup, aveuglément!
Frankreich 2015
Regie: Clovis Cornillac
Buch: Lilou Fogli, Clovis Cornillac, Tristan Schulman, Mathieu Oullion
Darsteller: Mélanie Bernier, Clovis Cornillac, Lilou Fogli, Philippe Duquesne, Grégoire Oestermann, Oscar Copp
Länge: 90 Minuten
Verleih: Pandastorm Pictures, Vertrieb: Neue Visionen
Kinostart: 29.9.2016
 

FILMKRITIK:

Um die 30 ist die Pianistin (Mélanie Bernier), als sie endlich beginnt, sich von ihrem Klavierlehrer zu emanzipieren. Jahrelang hat sie bei ihm gelebt und kaum anderes getan, als sich auf eine Karriere auf der Bühne vorzubereiten. Nun hat ihr ihre Schwester Charlotte ( Lilou Fogli) eine kleine Wohnung besorgt, die allerdings einen kleinen Haken zu haben scheint: Es spukt! Doch nach einer ersten Nacht merkt die Pianistin schnell, dass keineswegs ein Gespenst sein Unwesen treibt, sondern ihr Nachbar (Clovis Cornillac), der für sich bleiben will. Denn er ist ein schrulliger Erfinder, der seit sieben Jahren seine Wohnung kaum noch verlässt und viel Ruhe braucht. Dummerweise sind die Wohnungen der beiden nur durch eine dünne Wand voneinander getrennt, so dass jedes Geräusch zu hören ist.

Nachdem sich Erfinder und Pianistin für ein paar Tage darin überbieten, den anderen mit Lärm aller Art in den Wahnsinn und aus der Wohnung zu treiben, schließen sie einen Burgfrieden: ein Zeitplan wird aufgestellt, Arbeitszeiten und Ruhepausen eingeteilt, es kehrt Frieden ein. Bis der Erfinder eines Tages der Pianistin ein paar Ratschläge zu ihrer Chopin-Interpretation gibt, die diese zunächst wutentbrannt ablehnt, um schließlich doch zu akzeptieren, wie recht er hat: zu technisch ist ihr Spiel, zu wenig emotional. Es kommt wie es kommen muss: Nachbar und Nachbarin – ihre Namen verschweigen sie voreinander – verlieben sich, auch wenn sie sich noch nie gesehen haben. Diesem Zustand ein Ende zu bereiten wäre zwar ein leichtes, doch damit wäre auch die Illusion zerstört.

Das typische Muster einer romantischen Komödie, bei der der Zuschauer von Anfang an weiß, dass zwei Menschen zusammengehören, auch wenn es anfangs noch spinnefeind ist, wird hier durch ein phantastisches Konzept noch verstärkt. Doch so absurd die Idee einer schalldurchlässigen Mauer auch ist, die ein Paar, das zusammen ist, ohne wirklich zusammen zu sein, trennt, in gewisser Weise ist dies eine treffend analoge Metapher für moderne, technologische Entwicklungen.
Immer normaler wird das Kennenlernen anderer Menschen via Internet oder Smartphone, was unvermeidliche Probleme nach sich zieht: Nicht mehr einen kompletten Menschen lernt man kennen, sondern nur noch Teile, oft auch gezielt ausgewählte Eigenschaften, die ein bestimmtes Bild vermitteln sollen.

Welche Folgen diesen quasi virtuelle Kennenlernen haben kann, spielte vor zwei Jahren Spike Jonze in "Her" durch, in dem sich ein Programmierer in eine Computerstimme verliebte. Hier sind es nun zwei auf jeweils eigene Art soziopathische Menschen, die so lange in mehr oder weniger großer Isolation gelebt haben, dass es ihnen durchaus entgegenkommt, mit jemandem zusammen zu sein, den sie nicht sehen. Auch wenn diese Komponente eher ein Nebenaspekt von "Mit dem Herz durch die Wand" ist, der in vielen Szenen einen eher klamaukigen, tolpatschigen Ton anschlägt, verleiht er dem Regiedebüt des Schauspielers Clovis Cornillac doch eine oft nachdenkliche Stimmung, mit der viel über moderne Beziehungsmuster erzählt wird.
 
Michael Meyns