Mit ganzer Kraft

Ein gemeinsames Abenteuer schweißt Vater und Sohn zusammen. Das Abenteuer ist ein Ironman, der Vater ein frustrierter Ex-Hobbysportler und der Sohn ein körperbehinderter Träumer. „Mit ganzer Kraft“ erzählt mit viel Gefühl eine große Geschichte in kleinen Bildern.

Webseite: www.mitganzerkraft.de

Frankreich, 2013
Regie: Nils Tavernier
Drehbuch: Nils Tavernier, Pierre Leyssieux, Laurent Bertoni
Darsteller: Jaceques Gamblin, Alexandra Lamy, Fabien Héraud
Filmlänge: 90 Minuten
Verleih: Polyband, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 28. August 2014 
Pressestimmen:

"Exzessiv hererwärmend."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Nizza, Mittelmeerküste. Tausende Sportler tummeln sich am Strand, um sich in die Fluten zu werfen und die erste Etappe des Ironman zu überwinden. Mit dem Startschuss wechselt die Szenerie zu einem Alpenpanorama. Diese immens unterschiedlichen Bilderwelten haben eins gemeinsam: Sie wirken einschüchternd. Hohe Berge, tiefe Wasser – all das sind Umgebungen, die den Menschen besonders fordern. Und ausgerechnet in diesem Setting spielt die Geschichte eines körperbehinderten Jungen, der dieser abenteuerlichen Umwelt im Rollstuhl nicht gewachsen zu sein scheint. Doch der Zuschauer wird eines besseren belehrt.

Basierend auf der wahren Geschichte des Team Hoyt, eines US-amerikanischen Vaters und seines behinderten Sohns, die gemeinsam zahlreiche Sportwettkämpfe gemeistert haben, erzählt Nils Tavernier von Julien (Fabien Héraud) und seinem Traum vom Triathlon. Die Familie ist durch die Behinderung des nun 17 jährigen Jungen zerrüttet. Während die Mutter Claire (Alexandra Lamy) täglich über ihre Grenzen geht, hat der Vater Paul (Jacques Gamblin) den Rückzug angetreten und verbringt seine Zeit bevorzugt außer Haus. Zu seinem Sohn hat er allenfalls eine distanzierte Beziehung. Doch Julien will sich damit nicht zufrieden geben. Als er entdeckt, dass Paul einst begeisterter Sportler war, setzt er sich eine verrückte Idee in den Kopf: Er will mit seinem Vater einen Ironman bestreiten. Julien muss alles geben, um seinen skeptischen Vater und die überbesorgte Mutter zu überreden. Doch selbst als endlich alle an einem Strang ziehen, bleibt der Ironman ein fast unmögliches Unterfangen. Fast.

„Mit ganzer Kraft“ ist zugleich Sportler- wie auch Familiendrama. Nils Tavernier nimmt sich viel Zeit, um im ersten Akt des Films die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander zu etablieren und daraus einen eigenen Plot zu entwickeln. Es geht nicht nur um die Verwirklichung großer Träume, sondern auch um das Leben mit Behinderung, jedoch nicht in Hinblick auf den Betroffenen, sondern auf seine Angehörigen. Julien ist der einzige, der niemals den Mut verliert und Probleme lieber klein als groß redet.

Fabien Héraud, selbst körperbehindert, spielt den Julien mit großer Natürlichkeit: Wenn er sich freut, freut er sich von Herzen, während Gamblin und Lamy eben jene Körperposen und Gesichtszüge präsentieren, die sie mit Freude assoziieren. Neben der Authentizität des Hauptdarstellers wirkt das Schauspiel seiner professionellen Kolleginnen und Kollegen zuweilen gar ein wenig bemüht.

Die unfassbare Stärke und Hingabe des Vaters, die ihn zu derartigen sportlichen Leistungen befähigt, ist bewundernswert und anrührend – sowohl im wahren Leben wie auch in diesem Film. Jedoch gelingt es Nils Tavernier leider nicht, dieses Potential seiner Geschichte voll zu nutzen. Zu sehr bleibt er in einem kleinen Familiendrama stecken und vergeudet die Möglichkeiten der großen Kinoleinwand. Nur in den Aufnahmen des Ironman am Strand von Nizza scheint ein wenig Kino durch, wenn sich schließlich tausende Schwimmer in die Wogen stürzen und das Wasser durchwühlen.

„Mit ganzer Kraft“ bleibt ein recht einfallslos inszenierter Film. Weder das Drehbuch, noch die audiovisuelle Gestaltung kann die Energie der Ereignisse widerspiegeln. Die Dramaturgie folgt brav dem Schema F: Exposition, Aufbruch in ein Abenteuer und ein Straucheln kurz vor dem Höhepunkt. Lediglich in den Augen Fabien Hérauds funkelt der Zauber dieser gänzlich außergewöhnlichen Geschichte.
 
Sophie Charlotte Rieger