Mitte Ende August

Ein Haus auf dem Land, in dem ein verliebtes Paar den Sommer verbringen will. Weitere Personen kommen hinzu, Spannungen treten an die Oberfläche, am Ende ist manches anders und doch alles beim alten. Sebastian Schippers dritter Film „Mitte Ende August“ erzählt zwar eine altbekannte Geschichte – in der er sich sehr lose an Goethes „Wahlverwandschaften“ anlehnt – aber dank exzellenter Darsteller und einer präzisen Bildgestaltung gelingt es ihm, dem Thema seinen ganz eigenen Reiz abzugewinnen.

Webseite: www.senator.de

Deutschland 2009
Regie und Buch: Sebastian Schipper
Darsteller: Marie Bäumer, Milan Peschel, Anna Brüggemann, André Hennicke, Gert Voss, Agnese Zeltina
Länge: 92 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Verleih: Senator
Kinostart: 30.7.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

So sieht wohl ein glückliches Paar aus: Hanna (Marie Bäumer) und Thomas (Milan Peschel) in ihrer Wohnung in der Stadt, Hamburg vielleicht oder Berlin, es spielt keine Rolle, beim aufwachen, wie sie ihm eine Zahnbürste mitbringt, später in ihrem Haus auf dem Land, das ihre Heimat werden soll. Sie sind ein gutes Team, harmonisch, vertraut, spielerisch. Er hat wilde Ideen, sie scheint eher überlegt, zurückgenommen zu sein. Sie haben viel Sex, die Sonne ist warm und nur ganz langsam beginnen sich Unstimmigkeiten zu manifestieren. Thomas möchte seinen älteren Bruder Friedrich (André Hennicke) ins Haus einladen, will ihm über seine Entlassung, die Trennung von seiner Frau hinweghelfen und merkt nicht, dass Hanna lieber mit ihm allein sein will. Wieder einmal, darf man vermuten, gibt sie seinem Enthusiasmus nach und lädt ihrerseits auch ihre junge, ziemlich unschuldig wirkende Patentochter Augustine (Anna Brüggeman) ein. Und mit einem Mal ist das Gleichgewicht gestört, zeigen sich die vorher kaum wahrnehmbaren Unterschiede zwischen Hanna und Thomas umso deutlicher. Eigentlich wirkt es so, dass der ruhige Architekt Friedrich viel besser zu Hanna passt und die fröhliche Augustine zu Thomas, doch so einfach macht es sich der Film nicht.

Auf ziemlich wundersame Weise gelingt es Sebastian Schipper hier über Bilder zu erzählen, mit wenigen Worten die Verwicklungen voranzutreiben, mehr zu zeigen, als zu sagen. Sein Kameramann Frank Blau ist mit der Handkamera oft ganz nah an den Figuren, bedient sich aber auch längerer Einstellungen, in denen die ganze Breite der Scope-Leinwand genutzt wird. Keine verwackelten Bilder sind das, sondern bewegliche Momentaufnahmen einer Beziehung, die sich ideal zwischen der fiebrigen, leicht hektischen Intensität Milan Peschels und Marie Bäumers ruhigem, melancholischem Wesen bewegen. Zwar kommt es irgendwann zu einem etwas lauteren Streit, einer Art Eskalation, als Thomas vermutet, Hanna hätte mit Friedrich geschlafen, doch auch diesen Moment stellt Schipper nicht besonders heraus. Das Leben geht einfach weiter, es gibt keine dramatischen Trennungsszenen, kein Pathos, keine zur Schau gestellten Gefühle, nur wahrhaftige Emotionen.

Im Gegensatz zu seinem letzten Film „Ein Freund von mir“, ein für deutsche Verhältnisse eher großer, aufwändiger Film, besinnt sich Sebastian Schipper in „Mitte Ende August“ wieder auf die Qualitäten seines Debütfilms „Absolute Giganten.“ Und das ist vor allem seine Fähigkeit, Schauspielern Raum zu geben, ihre nur lose umrissenen Figuren mit Leben zu füllen, sie durch eine nur angedeutete Geschichte zu führen, die mittels ihrer Leerstellen mehr erzählt, als sich in Dialoge fassen lassen.

Michael Meyns
 

Hannah und Thomas sind ein sehr verliebtes Paar. Und nicht nur das. Sie konnten sogar ein in abseits allen Verkehrs gelegener Landschaft ein Häuschen erwerben, das sie allerdings noch auf Vordermann bringen müssen. Bis Hannahs Geburtstag in kurzer Zeit soll alles fertig sein.

Obwohl die beiden vereinbart hatten, die nächsten Tage gemeinsam zu verbringen, hat Thomas einem Besuch seines Bruders Friedrich zugestimmt. Ein erster Schatten. Dies umso mehr, als Friedrich alles andere als in guter Verfassung ist. Er ist Architekt, bangt aber derzeit um Aufträge. Außerdem haben er und seine Frau sich gerade getrennt.

Für die Stimmung eines verliebten Paares keine guten Voraussetzungen. Aber das ist noch nicht alles. Augustine meldet sich an, Hannahs Patenkind, an die 20 Jahre alt.

Am Anfang läuft noch alles glatt. Sich versammeln, essen, trinken, diskutieren, Gitarre hören, schwimmen. Dann werden die Verhältnisse rissiger. Die Besucher sind im Grunde Störenfriede. Thomas und Augustine entdecken Gemeinsamkeiten, Hannah und Friedrich ebenso. Zwischen Thomas und Hannah entsteht eine nicht direkt sichtbare, aber unausgesprochene Kluft. Bei den neuen Paarungen kommt es sogar zum Äußersten. Das kurze Auftauchen des angeberischen Bo und seiner russischen Mätresse verschlimmert noch die Sache.

Die Besucher reisen wieder ab. Liegt das Verliebtsein von Hannah und Thomas jetzt brach, fangen sie sich wieder, oder gehen sie aus dem Vorgefallenen gar gestärkt hervor?

Regisseur Sebastian Schipper lehnte seinen Film entfernt an Goethes „Wahlverwandtschaften“ an, weil er von dem Roman fasziniert war und weil das Thema ein ewiges ist.

Das sich schrittweise verändernde Verhältnis zwischen den vieren, die abbröckelnde Leidenschaft zwischen Hannah und Thomas, die momentane Zerrissenheit, das Abtasten des jeweiligen Verhaltens, die entstehende heikle Atmosphäre, das
alles wird in einem eigenwilligen, wohl absichtlich etwas zerfahrenen Stil gezeigt, um das Ungute der Lage deutlich zu machen. Ein weiteres Beispiel eines dauernden, nie versiegenden menschlichen Themas.

Die kritische Stimmung, das drohende Fiasko, die Störung, eine vielleicht heilsame Störung, sind richtig getroffen – auch wenn Sujet und Situation vom Zuschauer Interesse einfordern.

Vielleicht wird doch noch alles gut.

Gespielt wird fließend. Marie Bäumer (Hannah), Milan Peschel (Thomas), Anna Brüggemann (Augustine) und André Hennicke (Friedrich) sind die Protagonisten.

Thomas Engel