Mitten im Sturm

Die niederländische Oscar-Preisträgerin Marleen Gorris („Antonia“) verfilmte die autobiographische Leidensgeschichte der jüdischen Literatur-Professorin Eugenia Ginzburg, die 18 Jahre im sibirischen Gulag verbrachte. Der Ausschnitt aus einem Leben unter brutalem Staatsterror wird durch Emily Watsons ergreifendes Spiel nachfühlbar. Ein schauriger Einblick in eine ferne Lagerwelt, in der die Poesie Ginzburg beim Überleben half.

Webseite: www.mittenimsturm-derfilm.de

OT: Within the whirlwind
Deutschland/Belgien/Frankreich/Polen, 2009
Regie: Marleen Gorris
Drehbuch: Nancy Larson nach der Autobiographie von Eugenia Ginzburg
Darsteller: Emily Watson, Ulrich Tukur, Ian Hart, Benjamin Sadler, Agata Buzek
Länge: 100 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 5.5.2011

PRESSESTIMMEN:

Ein bewegendes Drama über die Ohnmacht des Einzelnen in einem totalitären Regime.
Cinema

FILMKRITIK:

1937 erfüllen begeisterte Hymnen auf Russland die Hörsäle der Universität von Kasan, der Hauptstadt der autonomen sozialistischen Sowjetrepublik Tatarstan. Eugenia Ginzburg leitet energisch und leidenschaftlich ihre Literaturklassen, besucht als gutes Parteimitglied auch die Bauern, um ein politisches Attentat zu verdammen.

Doch der Stalinismus schnürt mit der Geheimpolizei NKWD seinen Griff immer enger ums Leben. Ein Kollege wird verhaftet. Auch in die wohlhabende Intellektuellen-Familie der Eugenia Ginzburg schleicht sich die Angst. Während sich die selbstsichere Frau der absurden Logik politischer Verurteilungen widersetzt, bettelt ihr ängstlicher Mann im voraus eilenden Gehorsam um Gnade. Dann verleumdet ein Neider sie, die Masse der kriechenden und sich selbst bezichtigenden Mitarbeiter klatscht dazu Applaus. In der eisigen Zelle der Untersuchungshaft, wird die energische Frau bei höhnischen Verhören, angesichts von Verrat, Lüge und Meineid zu einem blassen Niemand mit einem Rest von unzerstörbarem, eigenem Willen. Die Verurteilung läuft als eine Farce in wenigen Minuten ab, trotz Ginzburgs klaren Gegenfragen und eines Alibis. Trotzkismus funktionierte unter Stalin als Universalvorwurf wie heute der Terrorismus. Halb weinend und lachend begreift Eugenia, dass es kein Todesurteil wurde, sondern nur 10 Jahre Sibirien. Im Güterwagen geht es in den Osten, ein schwer fassbares Grauen beginnt.

Im Lager Kolyma, im Osten der Sowjetunion, müssen die Gefangenen schwerste Arbeiten in extremen Minustemperaturen verrichten. Die Nahrung ist kärglich, die Frauen sind den Brutalitäten der Soldaten ausgeliefert, aber auch der eigenen Hackordnung, in der Intellektuelle wie Ginzburg ganz unten stehen. Durch das Nacherzählen des Oblomow-Romans des russischen Dichters Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812–1891) verschafft sie sich etwas Ansehen. Diese heftigen Frauen- und Gefangenenschicksale werden von Marleen Gorris, der Regisseurin starker Frauen, trotz Vergewaltigung durch die Wachen, trotz Selbstmorden und Tod durch Erfrieren im Vergleich zum kaum vorstellbaren wahren Grauen relativ harmlos dargestellt. Darin liegt auch eine Stärke des Films, der Schrecken erahnen lässt, ohne sein Publikum selbst abzuschrecken.

Immer wieder spricht Eugenia Ginzburg laut das Gedicht „Man gab mir einen Körper“ von Ossip Mandelstam, besinnt sich ihres Seins, ihres Menschseins. Als sie aus einem Brief vom Tod ihres ältesten Sohnes Alyosha erfährt, gibt sie jegliche Hoffnung auf. Erst die Bemühungen des wolgadeutschen Lagerarztes Dr. Anton Walter können ihr den Lebenswillen zurückgeben. Seiner besonderen Fürsorge verdankt sie Brandy, Lebertran und Puschkin. Der letzte weckt tatsächlich ihre Lebensgeister und das gemeinsame Rezitieren legt die Basis für eine Beziehung, die auch nach einer Trennung und in der Freiheit weiterlebte.

Kleider, Stoffe, Muster, Tapeten und Malereien rufen in der bewegenden Geschichte von Eugenia Ginzburg ein passendes Zeitgefühl auf. Während die Kleidung anfangs noch die darstellerischen Fähigkeiten Emily Watsons („Breaking the Waves“) verdeckt, spielt sie in Lumpen und Baracken groß tragisch auf. Im Moskau, wo Ginzburg vergebens um Gnade bettelt, zeigt eine erdrückenden Architektur aus riesigen Hallen und Sälen den einzelnen Menschen klein und allein. Auch in anderen Szenen gelingt es Gorris („Lushins Verteidigung“, „Mrs. Dalloway“, „Antonias Welt“) die Gefühlswelten ihrer Protagonistin indirekt zu vermitteln: In den poetischsten Momenten findet Eugenia immer wieder mitten im eisigen Grau Sibiriens die lila verpackte Bonbons des geliebten Sohnes Alyosha in ihrer Jacke. So ist „Mitten im Sturm“ zwar auch ein „Gulag-Film“ wie „The Way Back – Der lange Weg“ (Start 12.5.), rückt aber das innere Erleben ins Zentrum, während sich Peter Weirs Film als Flucht-Abenteuer mit der harschen Außenwelt anlegt. Auch wenn Gorris mit ihrer Autorin Nancy Larson den antisemitischen Aspekt der Verfolgung der Jüdin Eugenia Ginzburg nach eigener Aussage nicht besonders herausstellte, war „Mitten im Sturm“ Abschlussfilm des New York Jewish Film Festival 2010.

Neben Watson überzeugt Ulrich Tukur in dieser internationalen Koproduktion mit seiner Rolle des sanften Humanisten Dr. Anton Walter. Lena Stolze hat eine kleine Rolle als ebenfalls inhaftierte Mathematik-Professorin.

„Mitten im Sturm“ stellt nur einen Ausschnitt aus dem Leben der Ginzburg dar: Der Film endet nach zehn Jahren Haft – nach diesem scheinbaren Happy End wurde sie 1947 nach zehn Jahren Lagerhaft in die Verbannung entlassen, aber die Gefahr weiterer Jahre hinter Stacheldraht blieb präsent. Tatsächlich musste sie noch einen Monat ins Lager, was aber als Versehen deklariert wurde. Erst mit Stalins Tod 1953 endete die Verfolgung, 1954 gab es eine Rehabilitation, auch für zig tausende andere unschuldig Verurteilte. 1959 starb Anton Walter. 1966 konnte Eugenia Ginzburg endlich nach Moskau umziehen, was ihr bislang verwehrt worden war. 1976 reiste sie mit ihrem Sohn Vasilij, dem inzwischen international bekannten Schriftsteller, auf Einladung des Pen-Clubs nach Frankreich und Deutschland, wo sie unter anderem Heinrich Böll begegnete. Sie starb am 25. Mai 1977 in Moskau.

Günter H. Jekubzik

Sowjetunion, 30er Jahre. Nach dem Attentat auf den kommunistischen Parteisekretär Kirow 1935 wütet Stalin. Schauprozesse finden statt. Selbst getreue Kommunisten werden zum Tode verurteilt. Tausende werden ermordet.

Die Angst geht um. Jeder muss jedem misstrauen. Finsterer könnten die Zeit und das Leben in der Sowjetunion nicht sein.

Eugenia Ginsburg ist Literaturprofessorin in Kasan (Tatarstan). Sie ist eine aufrechte Frau, Parteimitglied, will sich jedoch nicht einschüchtern lassen. Ihr Mann Pavel, Vorstand in der örtlichen Parteiorganisation, ist da viel vorsichtiger, warnt sie des Öfteren. Später trennt er sich von ihr.

Eugenia wird verdächtigt, den Argumenten eines Widerständlers recht zu geben. Das ist zuviel. Parteiausschluss. Dann ihr Urteil: zehn Jahre Gulag in Sibirien.

Die Zeit ist hart. Holz fällen im härtesten Winter. Ständig Hunger. Wohnverhältnisse unmenschlich. Eugenia hilft manchen Frauen, die das Lagerleben nicht so gut aushalten wie sie. Oft fallen da die letzten Masken.

Langsam arbeitet sie sich hoch, wird zunächst wider Willen medizinische Assistentin des Lagerarztes Anton Walter, Wolgadeutscher, ebenfalls Gefangener.

Eugenia erfährt, dass einer ihrer Söhne wegen der Belagerung Leningrades verhungerte. Sie verliert momentan fast jede Hoffnung und jeden Lebensmut. Um sich innerlich aufzurüsten und nicht gänzlich unterzugehen, rezitiert sie Gedichte, mit denen sie früher mit ihren Studenten arbeitete.

Trotz des widrigen Lebens, das sie führen müssen, verlieben sich Anton und Eugenia. Eine kurze Zeit des heimlichen Glücks. Sie werden jedoch denunziert.

Anton wird deshalb versetzt. Er verspricht Eugenia, sie am Tage ihrer Freilassung abzuholen. So ist es denn auch. Die Liebe hat gehalten. Eugenia und Anton heiraten.

Ein harter aber realistischer, sehr gut inszenierter Film. Die bekannte und oft ausgezeichnete Regisseurin Marleen Gorris auf einem neuen Höhepunkt. Die Epoche, die Stalinsche Unzeit, die allgemeine Angst, das katastrophale Lagerleben, Eugenias Standhaftigkeit, die aufkeimende Liebe zu Anton Walter, all das ist vorzüglich getroffen.

Ein Schicksalsdrama, eine politische Lehrstunde, beispielhafte Menschenbilder.

Zwei bessere Schauspieler als Emily Watson und Ulrich Tukur hätte man dafür nicht finden können. Emily Watson spielt die ganze Empfindungsskala des schweren Lebens der Eugenia Ginsburg durch, Ulrich Tukur, ebenso großartig, zurückgenommen, als Dr. Anton Walter ist ein würdiger Vertreter des Humanen.

Thomas Engel