Mitternachtskinder

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Überbordende Fantasie in der Tradition orientalischer Erzählkunst und gewaltiges Geschichtspanorama: Salman Rushdies 1980 erschienenes Epos „Mitternachtskinder“ zählt zu den wichtigsten Romanen des 20. Jahrhunderts. Jetzt wagt sich die Regisseurin Deepa Mehta („Elemente“-Trilogie) an seine Verfilmung. Ein mutiges Unterfangen, erzählt das Buch doch nicht weniger als 50 Jahre indischer Geschichte und taucht tief in die Mythenwelt des Subkontinents ein.

Webseite: www.mitternachtskinder-derfilm.de

Kanada 2012
Regie: Deepa Mehta
Buch: Salman Rushdie
Darsteller: Satya Bhabha, Siddarth, Shahana Goswami, Rajat Kapoor, Seema Biswas
Länge: 148 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 21. März 2013

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Schlag Mitternacht wird Saleem Sinai am 15. August 1947 geboren – genau zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Indiens. Sein Leben nimmt gleich in seinen ersten Lebenstagen eine dramatische Wendung: Die Hebamme vertauscht ihn, den Sohn bitterarmer Straßenmusikanten, mit Shiva, dem Kind einer wohlhabenden Arztfamilie. Fortan sind die beiden Kinder dazu verdammt, das Leben des anderen zu leben. Als Kind entdeckt Saleem, dass er dank seiner ständig triefenden Nase telepathische Fähigkeiten hat. Und nicht nur er ist mit magischem Talent gesegnet: Einige Kinder, die in der Nacht der indischen Unabhängigkeit geboren wurden, können durch Spiegel gehen, andere durch die Zeit reisen, wieder andere ihr Geschlecht ändern. Saleem beruft regelmäßige Konferenzen der Mitternachtskinder ein, aber selbst die können ihre Differenzen nicht überwinden. Wie soll es dann erst mit Indien weitergehen? Saleem erlebt die chaotische Geschichte seine Landes hautnah mit: Seine Familie kommt bei einem Bombenangriff in Pakistan ums Leben, er verliert sein Gedächtnis, verirrt sich im Urwald von Bangladesch, erlebt Aufhebung der Demokratie und Notstand 1975 in einem Ghetto in Delhi – und begegnet dem gefürchteten Shiva wieder.

Es kann unsinnig oder auch unfair sein, eine Literaturverfilmung mit ihrer Vorlage zu vergleichen. Aber hier kommt man nicht umhin, einen Vergleich zwischen Jahrhundertroman und Film zu ziehen. Vielen galt Salman Rushdies Roman wegen seiner schieren Länge und des Reichtums an literarischen Gestaltungsmitteln als unverfilmbar. Ein gutes Gegenbeispiel ist Günter Grass´ „Die Blechtrommel“, der inhaltliche, motivische und stilistische Überschneidungen mit „Mitternachtskinder“ aufweist und einigen Kritikern als ein Vorbild für Rushdie gilt. Volker Schlöndorff eignete sich diesen Stoff völlig an und machte daraus ein ganz eigenes Kunstwerk. Allerdings ließ er auch die gesamte zweite Hälfte des Mammutwerks weg. Rushdie, der das Drehbuch schrieb, und Mehta versuchen bei „Mitternachtkinder“ das Unmögliche: Sie wollen den gesamten Erzählbogen erhalten.

Dafür opfern sie die mäandernde Dramaturgie des Buches, die ausufernden Subplots, sprachmächtige Bilder, die einzigartige Durchwirkung von Realität und Traumwelt. Der magische Realismus des Romans wird im Film zu einem Abarbeiten von Plotpoints, ist aber in einzelnen Episoden durchaus unterhaltsam, vor allem, wenn Rushdie im Drehbuch seine epische Fabulierkunst in pointierten Szenen verdichtet. Auch versucht Mehta durchaus, mit der Kamera nah an ihren Figuren zu bleiben und den Zuschauer visuell in die Geschichte hineinzuziehen. Für die magische Welt der Mitternachtskinder findet sie allerdings keine reichen, überzeugenden Bilder. Der Autor selbst hat das Drehbuch geschrieben - und ließ vom überbordenden Reichtum des Buches nur das dramaturgische Skelett. Als unglücklich entpuppt sich die Idee, einen Erzähler (im Original Rushdie selbst) auftreten zu lassen, der mit seinen Komentaren den poetischen Reichtum des Romans in Erinnerung ruft und umso deutlicher macht, was dem Geschehen auf der Leinwand fehlt.

Oliver Kaever

Der Regisseur Deepa Mehta und der Autor Salman Rushdie sind die Schöpfer dieses Films. Sie allein haben Buch und Drehbuch geschaffen, sie allein sind verantwortlich. Es handelt sich um den Vielvölkerstaat Indien und um drei Generationen einer indischen Sippe. Es geht um Realismus und Telepathie, es geht um politisch-kriegerische Geburtswehen und Magie, es geht um Liebe und Einflüsse des Bösen.

1947. Die Briten ziehen aus Indien ab, das Land wird selbständig. Doch die Freude über die Unabhängigkeit dauert nicht allzu lange. Hindus und Muslime bekämpfen sich bis aufs Messer. Hunderte kommen zu Tode. Die Fanatiker beherrschen noch das Land. Indien und Pakistan trennen sich, Indien für die Hindus, Pakistan für die Muslime. Zu Hunderttausenden setzen sich die Flüchtlinge von einem Land ins andere ab. Später bekämpfen sich auch West- und Ostpakistan. Die Gründung von Bangladesh ist die Folge.

In diesem dramatischen Umfeld wird die Geschichte von den Großeltern Aadam Aziz und seiner Frau Naseem erzählt, von ihrer Tochter Amina Sinai und deren Mann Ahmed Sinai, schließlich neben der Geschichte ihrer Tochter Jamila, einer Sängerin, jene von Aminas und Ahmeds Sohn Saleem Sinai und dessen Antagonist und Widersacher Shiva.

Von der Krankenschwester und Amme Mary Pereira werden bei der zur Mitternachtsstunde des indischen Unabhängigkeitsbeginns stattfindenden Geburt Saleem und Shiva absichtlich vertauscht. Mary steht unter dem Einfluss ihres Freundes und politischen Agitators Joe, der die Armen reicher und die Reicher ärmer machen will. Also kommt Aminas Sohn in die Hände eines Straßenmusikers und seiner Frau, deren Sohn in die Hände von Ahmed und Amina.

Zu den Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan kommt jetzt die vielschichtige und filmisch opulente Familiengeschichte der Sinais. Ergänzt wird sie durch jene der Mitternachtskinder, derjenigen Kinder, wie etwa Parvati, die in der Unabhängigkeitsnacht geboren wurden und die magische Kräfte besitzen. Ihre Kindheit und ihr Erwachsenwerden spiegeln auf menschlicher Ebene Indiens Zerrissenheit, die sich zum Beispiel in ständigen Grenzzwischenfällen, in der „endlose Nacht“ genannten Notstandszeit oder später in der Ermordung Indira Gandhis äußert.

Es folgen, oft zwischen Bombay und Karachi, Hochzeiten, Liebesbeziehungen, Generationsstreitigkeiten, „übernatürliche“ Erscheinungen, Zauberei, geheime Konferenzen, Zirkuskünste, Feuerschlucker und Schlangen.

Eine realistische und strenge Dramaturgie und Ideenführung ist jetzt nicht mehr so ohne weiteres zu erkennen. Aber es ist eben ein (politisch inspirierter) Bollywood-Film mit einer Überfülle von Andeutungen, Absichten, menschlichen Beziehungen, surrealistischen Erscheinungen und filmischen Darstellungsformen.

Thomas Engel