Monos – Zwischen Himmel und Hölle

Berauschende Bergpanoramen, eine Handvoll Halbstarker, eine Kuh und eine Geisel. Das sind obskur klingenden Zutaten, aus denen die kolumbianische Antwort auf „Herr der Fliegen“ gemacht ist. Nach diversen Festival-Vorführungen erreicht „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ im April hierzulande dann auch endlich reguläre Kinogefilde. Und sollte dann auch ganz dringend auf der großen Leinwand genossen werden. So ein Filmerlebnis wie „Monos“ sieht man in Deutschland nämlich nur ganz, ganz selten.

Website: dcmworld.com

COL/ARG/NED/DE/SWE/URY/USA/CHE/DNK/FR 2019
Regie: Alejandro Landes
Darsteller: Sofia Buenaventura, Julián Giraldo, Karen Quintero, Laura Castrillón, Deiby Rueda, Paul Cubides, Sneider Castro, Moises Arias, Julianne Nicholson
Verleih: dcm Filmverleih
Länge 102 Min.
Start: 2. April 2020

FILMKRITIK:

In einer abgelegenen Bergregion, irgendwo in Lateinamerika. Hier leben Patagrande (Moises Arias), Rambo (Sofia Buenaventura), Leidi (Karen Quintero), Sueca (Laura Castrillón), Pitufo (Deiby Rueda), Lobo (Julián Giraldo), Perro (Paul Cubides) und Bum Bum (Sneider Castro). Ihre Kampfnamen kommen nicht von ungefähr. Sie wissen nicht genau, was sie eigentlich machen sollen. Nur, dass Krieg herrscht. Und dass es jederzeit so weit sein kann, dass man ihre Kampffähigkeiten benötigt. Bis es soweit ist, bekommen die Jugendlichen Aufgaben einer Organisation, die ihnen regelmäßig ein Bote übermittelt. So sollen die Kids beispielsweise auf die Milchkuh Shakira aufpassen oder die Geisel Doctora (Julianne Nicholson) unter ihre Fittiche nehmen. Doch als Shakira plötzlich das Opfer von Waffengewalt wird und die Zusammenführung eines Liebespaares misslingt, geraten die Ereignisse außer Kontrolle…

Der Vergleich mit Filmen wie „Herr der Fliegen“ oder „Das Experiment“ liegt natürlich nah: Was passiert, wenn man einer Gruppe von (jungen) Menschen die alleinige Macht über sich selbst überlässt? Auch ein Fünkchen „Lost“ steckt darin: Die Zuschauer wissen nicht, was es mit dem Ort, an dem sich eine bunt zusammengewürfelte Menschengruppe befindet, auf sich hat. Und auch, ob sie jemals wieder von hier wegkommt. Und dann fallen einem auch Namen wie Werner Herzog oder Klaus Kinski ein. Dieser Wahnsinn, den der eine als Regisseur, der andere als Schauspieler vor sich herträgt, respektive hergetragen hat, der findet sich auch in der Geschichte und den Figuren von „Monos“. Die visuelle Opulenz dagegen erinnert stark an die Filme eines Terrence Malick, die technische Perfektion könnte genauso gut dem Geiste eines Steven Spielberg oder James Cameron entstammen. Man sieht: Es fallen einem viele Vergleiche ein, aber letztendlich ist „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ doch etwas ganz Eigenes, Atemberaubendes.

Ein Film mit einem Produktionsaufwand, wie es ihn heute gar nicht mehr gibt. Gedreht an Originalschauplätzen, wo es für die im Kern sehr intime, kleine Geschichte eigentlich auch ein Studio täte. Doch der brasilianische Regisseur Alejandro Landes („Porfirio“) will Authentizität. Und so entspinnt er hoch oben auf einem lateinamerikanischen Berggipfel ein auf seine wesentlichen Merkmale konzentriertes Schlachtengemälde. Die Bilder von Kameramann Jasper Wolf („Boy 7“) sind betörend schön. Das Spiel mit oben und unten, Himmel (Wolken) und Erde und schlussendlich ja irgendwie auch Himmel und Hölle suggeriert zu jedem Zeitpunkt, dass hier alles alles sein könnte. Sind die Jungs und Mädels nun gut oder böse? Wissen sie es selbst nicht? Woher auch, wenn es ihnen nie jemand gesagt hat. Und woher soll es dann der Zuschauer wissen?

Auch (erklärender) Dialog findet in „Monos“ nur selten statt. Es ist eine wüste Ansammlung von Geschimpfe, Aufforderungen, Beleidigungen und ganz, ganz selten auch mal unbeholfener Zärtlichkeit, mit der sich die Teenager hier untereinander verständigen. Früher oder später kommt es immer zu körperlichen Auseinandersetzungen. Vielleicht, weil sie sich anders nicht ausdrücken können. Brutal ist „Monos“ dagegen kaum. Das unterstreicht auch die Distanz zur Gewalt an sich; Wenn hier jemand brutal gegen einen Kameraden vorgeht, dabei aber selbst gar nicht weiß, dass die zivilisierte Gesellschaft so ein Verhalten für strafbar und asozial befinden würde, dann ist das in dieser kleinen Welt hier hoch über den Wolken vielleicht ja gar kein strafbarer Akt. Sondern ganz normal. „Monos“ ist auch ein Spiel mit Regeln, mit Anarchie. Vielleicht müssen ja auch wir unsere Vorstellungen von einem zivilisierten Miteinander von Zeit zu Zeit mal überdenken, um zu erkennen, was wir daran haben.

Alejandro Landes gelingt auf kleinem Raum das Zerrbild einer Gesellschaft ohne Regeln. Spannend, provokativ und betörend schön.

Antje Wessels