Monsieur Chocolat

So wie das deutsche "Schoko" war auch das französische "Chocolat" eine abfällige Bezeichnung für Schwarze. Doch unter genau diesem Namen wurde um 1900 ein schwarzer Clown zum Star. Dass dieser "Monsieur Chocolat" nicht wirklich akzeptiert, sondern kaum mehr als geduldet war, davon erzählt Roschdy Zem in einem biographischen Film, der vor allem in seinen Bezügen zur Gegenwart interessant ist.

Webseite: www.monsieurchocolat-film.de

OT: Chocolat
Frankreich: 2015
Regie: Roschdy Zem
Buch: Cyril Gely, Olivier Gorce, Gérard Noiriel, Roschdy Zem
Darsteller: Omar Sy, James Thierée, Noémie Lvovsky, Frédéric Pierrot, Clotilde Hesme, Olivier Gourmet
Länge: 115 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 19. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

1897. In einem kleinen Zirkus in der Provinz arbeitet auch der ehemalige schwarze Sklave Raphael Padilla (Omar Sy), der als grunzendes Urwaldwesen Katanga mit den Ängsten der einheimischen Bevölkerung vor dem Fremden spielt. Der weiße Clown Footit (James Thierée) jedoch sieht in Raphael die Chance, seiner darbenden Karriere noch einmal Schwung zu verleihen: Er überzeugt den Zirkuschef davon, ihn zusammen mit Raphael auftreten zu lassen. Ein schwarz-weißes Clowns-Duo – das hatte es bis dahin noch nicht gegeben, das fasziniert zunächst das Provinzpublikum, erweckt auch bald die Aufmerksamkeit der Hauptstadt.

In Paris entwickelt sich das Gespann Footit-Chocolat zum Publikumsmagnet, was besonders Chocolat genießt: Mit vollen Händen verprasst er seine Gage, kauft schöne Kleidung, bezirzt die Frauenwelt und kann nicht von seinem Laster, dem Glücksspiel lassen. Bei all dem Erfolg dauert es lange, bis Raphael merkt, dass er in erster Linie als Clown akzeptiert ist, aber nicht als Mensch, dass vor allem über ihn gelacht wird, aber nicht mit ihm.

Auch ohne die besondere Konstellation war das Duo Footit/ Chocolat für die Entwicklung der Clown-Nummer wichtig: Als erstes Duo bedienten sie sich der Figur des dummen August, der immer wieder Opfer von Streichen wird. Was in diesem speziellen Fall natürlich offensichtliche Konnotation hatte, war es doch stets der weiße Footit, der dem schwarzen Chocolat in den Hintern trat. In dieser Konstellation akzeptierte das Publikum den Schwarzen, doch wehe er versucht aus dieser Rolle auszubrechen, wehe er will mehr sein als nur der ulkige Prügelknabe.

Dies ist der interessanteste Aspekt in Roschdy Zems "Monsieur Chocolat", der sich über weite Strecken etwas pedantisch an der Lebensgeschichte Raphael Padillas abarbeitet, viele Figuren einführt und wieder vergisst, viele Schlenker macht, die ins Nichts führen und dabei fast übersieht, wie aktuell die zentrale Aussage seiner Geschichte doch eigentlich ist. Nach gut einem Drittel, wenn Raphael zum Star von Paris geworden ist und seinen Erfolg genießt, beginnt die stärkste Phase des Films: Mit dem haitianischen Intellektuellen Victor lernt Raphael einen Mann kennen, der ihm die wirkliche Position der Schwarzen in Frankreich aufzeigt. Durch ihn realisiert Raphael, dass er sich im wahrsten Sinne des Wortes zum Clown macht und mit seinem Auftritt eher Vorurteile bestärkt. Dass er im folgenden beim Versuch, als "ernsthafter" Künstler zu reüssieren scheitert, ist die bittere Ironie. Gerade dieser Aspekt, der auch in der heutigen Zeit immer wieder zu beobachten ist, lässt "Monsieur Chocolat", auch wenn er Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, in seinen besten Momenten zu einem Kommentar über die Gegenwart werden.
 
Michael Meyns