Morgen ist auch noch ein Tag

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In wenigen Ländern waren „Barbie“ oder „Oppenheimer“ im letzten Jahr nicht die erfolgreichsten Filme. Eines davon ist Italien, wo das Regiedebüt der Schauspielerin Paola Cortellesi die Konkurrenz aus Hollywood schlug. Was einerseits mit der Qualität des Films zu tun hat, andererseits mit der bedauerlichen Aktualität seines Themas: Häusliche Gewalt gegen Frauen, besonders in der Ehe.

C'è ancora domani
Italien 2023
Regie: Paola Cortellesi
Buch: Paola Cortellesi, Furio Andreotti, Giulia Calenda
Darsteller: Paola Cortellesi, Valerio Mastandrea, Romana Maggiora Vergano, Emanuela Fanelli, Vinicio Marchioni

Länge: 118 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 4. April 2024

FILMKRITIK:

Italien, 1946. In einem ganz normalen Wohnblock in Rom lebt Delia (Paola Cortellesi) ein allzu normales Eheleben: Ihr Mann Ivano (Valerio Mastandrea) geht zur Arbeit, Delia kümmert sich um den siechen Großvater und die drei Kinder, zwei kleinere Jungs und die fast erwachsene Marcella (Romana Maggiora Vergano), bessert zusätzlich das stets zu knappe Geld mit allerlei kleinen Jobs auf – und wird bei jeder Gelegenheit von ihrem Mann geschlagen.

„Warum gehst du nicht?“ fragt Marcella einmal ihre Mutter, längst weiß die Tochter, was hinter der verschlossenen Tür des elterlichen Schlafzimmers vor sich geht. Aber Delia kann und will nicht einfach verschwinden und ihre Kinder bei Ivano zurücklassen, zu stark ist ihr Verantwortungsgefühl. So sind die Dinge eben, das wird ihr immer wieder deutlich gemacht, von Ivano sowieso, aber auch von der Gesellschaft und ihrem Großvater. Der erklärt Ivano einmal, wie er das bei seiner Frau gehandhabt hat: Nicht immer leichte Schläge, sondern regelmäßig eine große Tracht Prügel, das habe gereicht.

Kaum zu glauben, dass es Paola Cortellesi als Hauptdarstellerin, Co-Autorin und Regisseurin in Personalunion gelang, aus diesem Stoff einen geradezu beschwingten, am Ende durch und durch optimistischen Stoff zu machen. Denn das das Thema Gewalt in der Ehe und auch dessen extremste Form Femizid auch im Italien der Gegenwart keineswegs verschwunden ist, zeigte ein Mord, der kurz nach Start von „Morgen ist auch noch ein Tag“ Italien erschütterte. Im November 2023 wurde eine 22jährige Frau von ihrem Ex-Freund ermordet, landesweite Demonstrationen folgten, das Thema Femizid wurde – einmal mehr – intensiv diskutiert.

Das Gewalt gegen Frauen ein Aspekt der Machogesellschaft ist, deutet Cortellesi immer wieder an, etwa wenn sie den unterschiedlichen Umgang Ivanos mit seiner Tochter und den beiden Söhnen zeigt. Wird die eine an der kurzen Leine gehalten, dürfen sich die Jungs alles erlauben. Ihr Weg zu zukünftigen Machos – und Schlägern? – scheint vorgezeichnet.

Auch durch die markante schwarz-weiße Fotografie mag „Morgen ist auch noch ein Tag“ wie eine Reminiszenz an den italienisieren Neorealismus erinnern, der in der Nachkriegszeit von sozialen Problemen erzählte. Doch Cortellesi hat ein Stilmittel gefunden, der ihren Film zu etwas ganz anderem macht, der die Gewalt erträglich wirken lässt: Tanznummern. Wenn immer Ivano die Hand erhebt, beginnt Musik zu spielen, bewegen sich Ivano und Delia geschmeidig über das Parkett, werden die angedeuteten Schläge zu choreographierten Bewegungen. Auf dem Papier mag sich das anhören wie die Banalisierung von Gewalt, wie ein Ausweichen vor der harten Realität. Doch das Gegenteil ist der Fall, denn auch wenn die Gewalt nicht zu sehen ist: In Delias Mimik, Gestik, ihrer ganzen Körpersprache ist sie zu spüren, nicht als offene Wunde, sondern als Last auf ihrer Seele.

Dass Paola Cortellesis Film in seiner Heimat ein solcher Erfolg war, zeigt auch, wie wichtig ein Film wie „Morgen ist auch noch ein Tag“ ist, auch über seine filmischen Qualitäten hinaus.

 

Michael Meyns