Mother

Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte von „Mother“ sehr einfach: Eine Mutter kämpft darum, die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen. Doch einmal mehr nutzt der koreanische Regisseur Bong Joon-ho ein Genremuster für eine vielschichtige Erzählung voller Gesellschaftskritik und falscher Fährten. Ein weiterer exzellenter Film aus Südkorea, einem der momentan interessantesten Filmländer.

Webseite: www.mfa-film.de

OT: Madeo
Südkorea 2009
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Park Eun-kyo
Darsteller: Kim Hye-ja, Won Bin, Gu Jin, Yoon Jae-moon, Jun Mi-sun, Lee Young-suck, Song Sae-Beauk
Länge: 128 Min.
Verleih: MFA
Kinostart: 5. August 2010
 

PRESSESTIMMEN:

Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho (…) hat mit "Mother" einen einzigartigen Psychothriller mit düster-poetischen Bildern inszeniert, der alle Genregrenzen sprengt. Er erzählt von den Abgründen der koreanischen Gesellschaft, dem Zerfall der Familie und der Unfähigkeit der Behörden. Und vor allem von einer Mutter-Sohn-Beziehung mit inzestuösen Zügen, von Schuld und dem Ringen um Kontrolle. (…) Dass ihm das gelungen ist, liegt nicht zuletzt auch an der beeindruckenden Hauptdarstellerin Kin Hye-ja.
Kultur-Spiegel

FILMKRITIK:

In „Memories of Murder“ war es der Serienkillerfilm, in „Host“ der Monsterfilm, nun, in seinem jüngsten Film, verwendet Bong Joon-ho erneut Elemente des Detektivfilms und vermischt sie mit einer unter anderem an Hitchcock angelehnten falscher-Mann-am-falschen-Ort Geschichte. Der Mann heißt hier Do-joon, ein etwas tumber Kerl in den Zwanzigern, der mit seiner ebenfalls nicht ganz normalen Mutter in einem ländlichen Dorf in Korea lebt. Sehr zum Unwillen seiner Mutter ist Do-joon mit Jin-tae befreundet, der ihn immer wieder zu unüberlegten Aktionen anstiftet und im Zweifelsfall die Schuld auf Do-joon ablädt. Dieses Mal aber scheint Do-joon sich selbst in die Klemme gebracht zu haben: Ein junges Mädchen wurde ermordet und am Tatort ein Golfball gefunden, der von Do-joon unterschrieben ist. Ein klarer Fall für die örtliche Polizei, die froh sind, einen Täter zu haben und wenig Interesse daran zeigen, möglichen Zweifeln auf den Grund zu gehen.
Diese Aufgabe übernimmt die Mutter selbst, die keinen Namen trägt, aber (hoffentlich) nicht als Beispiel für universelles mütterliches Verhalten gedacht ist. Zunächst allerdings verhält sich Mutter noch recht normal, engagiert einen Anwalt, stellt Nachforschungen an. Zunehmend jedoch steigert sie sich immer mehr in ihre Aufgabe hinein, setzt sie alle Hebel in Bewegung, um ihren Sohn aus dem Gefängnis zu befreien. Doch ob der tatsächlich unschuldig ist, bleibt offen.

In einem Hollywoodfilm gäbe es daran wohl keinen Zweifel, Bong Joon-ho aber zeichnet die Menschen in all ihrer Ambivalenz, verweigert sich oberflächlichen Gut/ Böse-Zuschreibungen. Ebenso wie er sich den Erwartungen der jeweiligen Genres widersetzt, die er anfangs scheinbar bedient, nur um sie dann zu unterlaufen. So einfach die Geschichte von „Mother“ zu beginnen schien, so verwickelt wird sie mit zunehmender Dauer. Das Opfer entpuppt sich als leichtlebiges Mädchen, dass für Reiskekse mit jedem Dorfbewohner Sex hatte, auch mit Do-joon. Zunehmend gerät die Suche nach dem wahren Täter in den Hintergrund, entwirft Bong Joon-ho einmal mehr ein skeptisches Portrait der koreanischen Gesellschaft, ihrer Vorurteile, Missstände und Abgründe.

Versteckt ist diese schonungslose Gesellschaftskritik hinter brillanten Bildern, bekannten Schauspielern (zumindest für ein koreanisches Publikum) und grotesk-komischen Einfällen. Die eigentliche Ausgangsfrage des Films gerät dabei perfiderweise fast komplett in Vergessenheit. Der Mord an einem jungen Mädchen wird zwar scheinbar gelöst, zumindest ist jemand für diese Tat im Gefängnis, die Folgen, die sowohl die Gleichgültigkeit der Gesellschaft als auch die exorbitante Mutterliebe hervorgebracht haben, bleiben jedoch ohne Konsequenzen. Einfache Lösungen gibt es in den Filmen Bongs nicht, und nicht zuletzt diese Haltung macht auch „Mother“ einmal mehr zu einem so faszinierenden Film.

Michael Meyns

Yoon Hye-ja, deren Mann schon gestorben ist, lebt allein mit ihrem 27jährighen Sohn Yoon Do-jun. Der ist psychisch leicht beschränkt.

Ein Mädchen wird tot aufgefunden. Do-jun, dessen Spuren sich in der Nähe befinden, wird des Mordes verdächtigt. Nach einem mehr oder weniger brutalen Polizeiverhör unterschreibt er ein Schuldgeständnis. Das Ergebnis: Gefängnis.

Die Mutter glaubt nicht an die Schuld ihres Sohnes. Sie setzt alle Hebel in Bewegung: bei einem – allerdings unseriösen – Anwalt, bei einem ihr bekannten Krimi-Kommissar, mit eigenen Nachforschungen. Was ist geschehen? Das getötete Mädchen hatte, wie sich herausstellt, alles andere als einen guten Ruf. Es gibt Lover, es gibt anzügliche Fotos, es gibt einen Unglücksfall.

Das Entscheidende aber: der Kampf von Yoon Hye-ja um ihren Sohn, der ihrer Überzeugung nach kein Mörder sein kann.

Bong Joon-ho gilt in Südkorea als Regiehoffnung. Tatsächlich drehte er einen facettenreichen wenn auch für uns fremdartigen Film (Südkoreas Oscar-Einreichung 2010). Er behandelt intensiv das Mutter-Sohn-Thema. Er kritisiert (durch den Einbau von Nebenrollen) die trägen Behörden, die oberflächliche Polizei, die übersättigte gierige Mittelschicht (Anwalt), die seiner Ansicht nach um sich greifende Verwahrlosung der Jugend (totes Mädchen).

Der sorgfältige Filmstil und die Szenenvielfalt sind naturalistisch gehalten. Hauptperson ist als Mutter die Schauspielerin Kim Hye-ja, die Grande Dame des südkoreanischen Films. Tatsächlich spielt sie äußerst intensiv, sie trägt „Mother“ zum großen Teil: um ihren Sohn Do-jun bangend, im Schmerz auf sich allein gestellt, dem Drama ausgeliefert, aber auch wild entschlossen.

Immerhin ein interessanter asiatischer Kinobeitrag.

Thomas Engel