Mr. Holmes

Kaum eine literarische Figur ist so oft und in so unterschiedlicher Form für die Leinwand adaptiert worden wie Sherlock Holmes. Bill Condon wagt sich in „Mr. Holmes“ dennoch an den legendären Meisterdetektiv, imaginiert ihn als nunmehr greisen, von Gedächtnislücken geplagten alten Mann, der an seiner sprichwörtlichen Ratio zweifelt.  Ein ebenso gediegener wie origineller Film, dem die vorzüglichen Schauspieler eine unwiderstehliche Mischung aus intellektuellem Spiel und Emotionalität verleihen.

Webseite: www.mrholmes.de

Großbritannien 2015
Regie: Bill Condon
Buch: Jeffrey Hatcher, anch dem Roman von Mitch Cullin
Darsteller: Ian McKellen, Laura Linney, Milo Parker, Hiroyuki Sanada, Hattie Morahan, Patrick Kennedy, Nicholas Rowe
Länge: 105 Minuten
Verleih: Alamode Film, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 24. Dezember 2015
 

Pressestimmen:

"Ein wunderbar weiser und leiser Film, mit einem grandiosen Ian McKellen in der Titelrolle. Am Ende zählt – wie bei jeder guten Detektivgeschichte – jedes noch so winzige Detail."
STERN

FILMKRITIK:

England, 1947. Der legendäre Sherlock Holmes (Ian McKellan) ist inzwischen 93 Jahre alt, hat sich längst zur Ruhe gesetzt und lebt zurückgezogen in einem Haus unweit der englischen Küste. Vor allem mit seiner Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney) und deren Sohn Roger (Milo Parker) hat Holmes noch Kontakt, ansonsten beschäftigt er sich mit der Pflege seines Bienenstocks und den Zipperlein, die mit dem Alter auch ihn erfasst haben. Besonders sein zunehmend schlechtes Gedächtnis macht ihm zu schaffen, was umso mehr schmerzt, als er sich unbedingt an die lange zurückliegende Episode erinnern will, die ihn dazu bewogen hatte, dass Detektivhandwerk an den Nagel zu legen. Bruchstückhaft erinnert er sich an den Fall eines Mannes (Patrick Kennedy), der ihm auftrug, seine Frau Ann (Hattie Morahan) zu überwachen. Nach und nach erinnert Holmes, was sich damals zwischen ihm und Ann zutrug und welch furchtbare Konsequenzen seine legendäre, aber auch oft harsche Rationalität hatte.
 
Das Spiel mit berühmten literarischen Figuren ist ein beliebtes Sujet der Postmoderne. Zu imaginieren, was jenseits der bekannten Werke mit einer fiktiven Figur passiert ist, ergibt ungeahnte Möglichkeiten, die oft allerdings zu kaum mehr genutzt werden als einer nostalgisch angehauchten Zitatenspielerei. Mit solchen Verweisen an die Geschichten von Arthur Conan Doyle arbeitet natürlich auch Bill Condon („Kinsey“, „Inside Wikipedia-Die fünfte Gewalt“), doch es geht ihm um mehr. Wie schon in „Gods and Monsters“, in dem er die Psyche des „Frankenstein“-Regisseurs James Whale auslotete, nutzt Condon auch in „Mr. Holmes“ das Werk zur Beleuchtung des Wesen. Dass man es hier im Gegensatz zu Whale mit einer fiktiven Figur zu tun hat, macht das Konzept nur noch komplexer.
 
In verschachtelten Rückblenden bzw. Erinnerungen offenbaren sich nach und nach die Ereignisse der Vergangenheit, die Holmes einst dazu veranlassten, seinen legendär scharfen Verstand nicht mehr einzusetzen. Denn das Vertrauen in die Ratio, mit möglichst ausgeschalteten Emotionen, kann unvorhergesehene Konsequenzen haben, wie Holmes nach und nach erkennt. Manchmal ist es sinnvoller, ja, menschlicher, nicht die kalte, harte Wahrheit zu sagen, sondern sich einer Notlüge zu behelfen, um das Gegenüber zu schützen. Anders ausgedrückt: Manchmal ist eine Fiktion die bessere Alternative als die Realität, womit Condon letztlich auch über das Wesen des Kinos spricht.
 
Doch all diese Aspekte, das postmoderne Weiterdenken einer literarischen Figur über das vom ursprünglichen Autor intendierte wäre nicht sehenswert, wenn es eine kalte, emotionslose Angelegenheit wäre. Beim Bemühen, den Stoff emotional zu machen, gerät Condon zwar manchmal in allzu gediegene Gefilde, lässt Carter Burwells pathetische Musik allzu staatstragend wirken, während die Kamera malerische englische Landschaften ablichtet, doch gerade Ian McKellans Holmes bleibt immer auf dem Boden. Zusammen mit dem bemerkenswerten Jungschauspieler Milo Parker (dem deutschen Publikum aus „Gespensterjäger“ bekannt) bildet er ein wunderbares Doppel, dass „Mr. Holmes“ seine unwiderstehliche Mischung aus intellektuellem Spiel und Emotionalität verleiht.
 
Michael Meyns