Mr. Nobody

Die Lebens-Erinnerungen von Nemo Nobody, dem letzten Sterblichen der Erde im Jahre 2092, führen in ein faszinierendes Labyrinth aus Liebes-Möglichkeiten und Enttäuschungen. Nach „Toto der Held“ (1991) und „Am achten Tag“ (1996) präsentiert der Belgier Jaco van Dormael wieder einen sensationellen Film.

Webseite: www.mrnobody-film.de

Frankreich/ Kanada/ Belgien 2009
Regie und Buch: Jaco van Dormael
Mit: Jared Leto, Diane Kruger, Sarah Polley, Linh-Dan Pham, Juno Temple, Rhys Ifans, Natasha Little
Länge: 138 Min.
Verleih: Concorde
Start: 8.7.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Alle Menschen sind unsterblich im Jahr 2092. Mit Ausnahme eines 118 Jahre alten Mannes, dem letzten Sterblichen der Erde. Die ganze Welt will wissen, wie das Leben, wie die Vergangenheit dieses Mr. Nobody (Jared Leto) war. Darauf hat der Nemo genannte nur einen Scherz als Antwort: „Die meiste Zeit ist nichts passiert – wie in einem französischen Film.“ Doch die Ärzte lassen nicht nach und versetzen den Greis unter Hypnose, damit er sich erinnere: Noch ungeboren im Himmel erwählt sich Nemo sehr witzig ein Elternpaar aus. Mama (Natasha Little) riecht so gut und Papa (Rhys Ifans) erzählt eine schöne Geschichte, wie sich die beiden ineinander verliebt haben. Im Alter von acht Jahren begegnet Nemo drei Mädchen, die er später heiraten und gänzlich verschiedene Leben mit ihnen führen könnte. Damit beginnt ein Weg voller Entscheidungen: Zuerst trennen sich die Eltern und der neunjährige Nemo muss am Bahnsteig zwischen seinem Vater und der Mutter, die mit dem Zug wegfährt, wählen. Sie wird mit dem Vater von Nemos großer Liebe Anna zusammenziehen. Beim eigenen Vater wird Nemo als Teenager mit Elise oder mit Jeanne zusammenkommen. Die manisch-depressive Elise (Sarah Polley) findet niemals ihr Glück an der Seite und mit den Kindern Nemos. Jeanne (Linh-Dan Pham) hingegen würde erfüllt und im Reichtum die Frau eines erfolgreichen Nemo sein. Nur er fühlt nichts in diesem Leben…

Die Leben mit und ohne die große Liebe Anna führen in einer äußerst reizvollen Montage der Möglichkeiten sogar bis zum Mars, wo ein alter Nemo die Asche seiner Frau ausstreut. Oder ist dies nur die eskapistische Science Fiction-Geschichte des frustrierten jungen Mannes, der seinen gelähmten Vater pflegt? Sind dies alles gar Hirngespinste eines alten Mannes unter Hypnose?

Ohne dass es aufgesetzt wirkt, fragt „Mr. Nobody“ nicht nur, was das richtige und das falsche Leben ist, sondern auch, was vor der Zeit war, vor dem großen Knall. Der Zufall möglicherweise und dann kam direkt der Schmetterlingseffekt, der selten so nett wie hier als Bildfolge präsentiert wurde: Der Kauf einer billigen Jeans macht einen brasilianischen Schneider arbeitslos, der kocht sich freigestellt ein Ei. Der dabei entstehende Wasserdampf regnet irgendwo auf Nemo herab und macht den Zettel mit der Telefonnummer der gerade wiedergefundenen Anna (Diane Kruger) unlesbar. Bei „Mr. Nobody“ sind das ganz Große und das Kleinste immer besonders kunstvoll miteinander verbunden.

Dreizehn Jahre dauerte es, bis nach dem überwältigenden Erfolg von „Am achten Tag“ (mit Daniel Auteuil und Pascal Duquenne) der Belgier Jaco van Dormael wieder einen sensationellen Film hinlegte. Damit kehrte er zum fantastischen Erzählen seiner Erstlings „Toto der Held“ aus dem Jahre 1991 zurück. Die meiste Zeit arbeitete van Dormael tatsächlich an seinem Buch und an der Umsetzung von „Mr. Nobody“, eine Detailarbeit, die dem enorm dichten Film anzumerken ist.

„Mr. Nobody“ berauscht, ja: überflutet mit der Bildgewalt seiner Welt und seiner Erzählraffinesse. Diese Welt erinnert mal an „12 Monkeys“, zitiert „2001“, verirrt sich scheinbar unwiderruflich in Parallelleben wie in Alejandro Amenábar „Abre los ojos“. Doch van Dormaels neuestes Meisterwerk begeistert nicht nur durch die Dichte der Idee und Bilder, durch einen eindrucksvollen Cast oder den ebenso leichten, wie treffenden Pop-Soundtrack. Nicht nur wegen seiner grandiosen Ausstattungsdetails wie den immer wechselnde Familien-Fotos und den technischen Spielereien wie der tatsächlich „fliegenden“ Kamera. „Mr. Nobody“ erzählt eine ganz große, bis zum letzten Moment mehr und mehr mitreißende Liebesgeschichte. Dass das mögliche Happy-End dabei weit zurück in der Vergangenheit liegt, führt uns wieder zum bitteren Problem der Zeit, die nur in die Zukunft fließt und nicht wie der Name AnnA in zwei Richtungen funktioniert. Und zum verzweifelten, melancholischen Versuch, das Glück in der Erinnerung wieder zu finden. Dem Glück, die Zeit zurück zu drehen. „Mr. Nobody“ ist dies gelungen. Wie van Dormael das Entstehen von Gänsehaut im Detail zeigt, praktiziert er das Erwecken der Gefühle auch im großen Ganzen.

Günter H. Jekubzik

Was Phantasie bedeutet, zeigt dieser Film. Er erzählt im Jahr 2092 die Geschichte von Nemo, dem letzten sterblichen Menschen, 118 Jahre alt. Denn die Menschheit hat die immerwährende Zellerneuerung gefunden, die Menschen sterben nicht mehr.

Nemo, der Greis, wird hypnotisiert und von einem Journalisten interviewt, um sich an die Stationen seines Lebens zu erinnern:

wie er als noch ungeborenes Kind sich seine Eltern aussucht; wie er sich bei der Trennung der Eltern als Junge zwischen Vater und Mutter entscheiden muss; wie er Visionen hat und immer wieder andere Lebensvarianten nicht nur vor sich sieht, sondern durchlebt; wie er, noch als Kind, die Mädchen Anna, Elise und Jeanne kennenlernt; wie er später irgendwann in seiner langen Existenz zwei von ihnen heiratet: Elise, die Nervenkranke, und Jeanne, mit der er zwei Kinder hat; wie er in Wirklichkeit nur Anna liebt, aber von ihr immer wieder getrennt wird; wie er als Autor eines Science-Fiction-Romans eine Reise auf den Mars mitmacht, um dort auch, wie versprochen, die Asche einer seiner Frauen auszustreuen; wie er seinen kranken Vater pflegt; wie sein Leben sich zurückspult, Nemo sich wieder verjüngt, als Kind auf Anna stößt und mit ihr am See Steine ins Wasser wirft.

Unzählige imaginäre und reale Situationen sind gegeben, kunstvoll miteinander verschachtelt, ebenso faszinierend wie verwirrend. Eine Spielerei, aber auf beachtlichem Niveau. Dem Regisseur ist hier ein Kino-Opus-Magnum gelungen mit verblüffenden Schnittfolgen und Darstellern jeden Alters (Jared Leto, Diane Krüger, Rhys Ifans, Juno Temple, Toby Regbo – letzterer besonders gut), die ihre Sache bestens machen.

Was für ein filmischer Gegensatz zu zahllosen simplen und flachen TV-Spielchen!

Für echte Kinofans ein Genuss.

Thomas Engel