Mr. Turner – Meister des Lichts

Ein bissiger Gesellschaftskritiker porträtiert einen romantischen Maler! Dass ausgerechnet der Brite Mike Leigh („Nackt“) sich mit "Mr. Turner" filmisch dem Leben seines berühmten Landmanns Joseph Mallord William Turner widmet, ist eine ziemliche Überraschung. Wer einen bieder bebilderten Wikipedia-Eintrag befürchtet, wird bei Leigh glücklicherweise enttäuscht. Ihn interessieren einmal mehr die ganz normalen Leute – zu denen eben auch dieses kauzige Genie gehört. So überwältigend die Bilder des Mr. Turner, so auch jene des Mr. Leigh: Leinwand trifft Leinwand! Timothy Spall präsentiert sich in absoluter Bestform – und wurde in Cannes prompt mit der Palme als bester Darsteller prämiert. Raffinierter wurde ein ganz großer Maler im Kino selten porträtiert.

Webseite: www.turner-derfilm.de

GB / D / F 2014
Regie: Mike Leigh
Darsteller: Timothy Spall, Dorothy Atkinson, Marion Bailey, Paul Jesson, Tom Wlaschina
Filmlänge: 149 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 6.11.2014

Preise/Auszeichnungen:

Goldene Palme als Bester Schauspieler für Timothy Spall beim Filmfestival Cannes 2014

Pressestimmen:

"Ein neuer Meilenstein der Filmgeschichte."
Der Tagesspiegel

"Ein faszinierend kunstvoller Film"
Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Wie ein in Bewegung geratenes Turnergemälde."
Die Zeit

"Grandios."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Er zählt zu den besten, und mittlerweile teuersten Malern der Welt. Als der fleißige Joseph Mallord William Turner anno 1851 mit 76 Jahren starb, hinterließ er mehr als 20.000 Werke. Dramatische Naturszenen, Schiffe und Wasser gehörten zu den Leitmotiven dieses Vorläufers des Impressionismus. Über das private Leben des genialen Künstlers ist wenig bekannt. Doch Mike Leigh hat intensiv recherchiert – und sich für die fehlenden Puzzlestücke die künstlerische Freiheit genommen. 
 
Einmal mehr stehen bei Leigh die ganz normalen Menschen im Mittelpunkt. Da ist der Vater, ein einfacher Friseur. Die Haushälterin, eine verschmitzte Beobachterin. Oder die späte Liebe des Künstlers, eine herzensgute Vermieterin. Auf der anderen Seite stehen die Wohlhabenden und Kunstkritiker, die allesamt als eingebildete Schnösel daherkommen. Schließlich taucht noch die neue Queen Viktoria auf, deren Unverständnis für diese Kunst als Vorbote ihrer prüden Politik gelten kann. 
 
Wie von Turner gemalt sehen die ersten Bilder des Films aus: Eine Windmühle in idyllischer Landschaft, durch die im sanften Sonnenlicht zwei Frauen schreiten. Auch später nähert sich Leigh stilistisch immer wieder seinem Helden an und findet mit Kameramann Dick Pope grandiose Tableaus. Etwa als der Maler ein Segelschiff sieht, das von einem Dampfer gezogen wird, was der Autodidakt wenig später famos auf die Leinwand bringen wird. Erzählt wird von den letzten 25 Jahren des Meisters. Um seine frühere Geliebte und die gemeinsamen beiden Töchtern kümmert sich Turner nicht, selbst die Beerdigung seiner Enkelin versäumt er emotionslos. Umso enger der Kontakt zum Vater, mit dem ihn ein höchst freundschaftliches Verhältnis verbindet. Als er sich auf Motivsuche unter falschem Namen in einer kleinen Pension einmietet, findet der wortkarger Maler, der sich oft nur mit Grunzlauten äußert, in der verwitweten Vermieterin seine späte große Liebe.
 
"Du besitzt eine unglaubliche Schönheit" wird er der verdutzten Frau einmal sagen, die keineswegs dem gängigen Ideal entspricht. Genau das ist der Kern dieser Biografie: Ein Maler, der in allen Dingen den Zauber des Schönen entdeckt. Dafür ist Turner keine Anstrengung zu groß, um das Meer in seiner ganzen Kraft zu erleben, lässt er sich auf stürmischer See an den Schiffsmasten binden, was ihm prompt eine Lungenentzündung beschert. 100.000 Pfund bietet ihm ein reicher Fabrikant für seine Bilder. Der recht bescheiden lebende Künstler lehnt ab. Er will, dass alle Kunstwerke später der Staat bekommt, auf dass sie dem Volk gratis zur Schau gestellt werden können.
 
Über zweieinhalb Stunden nimmt sich Leigh und entführt ebenso elegant wie bewegend in das erstaunlich normale Leben eines Ausnahmekünstlers. Zugleich zeichnet, mit leichtem Federstrich ganz nebenbei, ein Sittenbild jener Zeit mit hoher Säuglingssterblichkeit und den Vorboten der industriellen Revolution. Dampfschiffe lösen die Segler ab. Und mit dem Photoapparat lassen sich ganz neue Bilder herstellen, wie der verdutzte Maler begeistert am eigenen Porträt feststellt.  
 
Verkörpert wird dieser kauzige Maestro, der auch schon mal mit Spucke seine Bilder verfeinert, von einem eindrucksvoll aufspielenden Timothy Spall, der diese widerspenstige Figur in all seinen Facetten präsentiert. Komplettiert wird das Bild durch eine auffallend authentische Ausstattung, die bis hin zum letzten Hosenknopf stimmig ausfällt. Last not least sorgt Leighs langjähriger Komponist Gary Yershon für einen höchst ungewöhnlichen Soundtrack, dessen Geigenklänge bisweilen bis zur Schmerzgrenze gehen um danach mit wunderbaren Paukenklängen zu versöhnen.
 
Für den 71jährigen Regisseur war "Mr. Turner" ein seit Jahren gehegtes Wunschprojekt. Es ist ihm zum Triumph geraten.
 
Dieter Oßwald