Much Loved

Auch wenn er meist, wenn überhaupt, nur verschämt behandelt wird, gibt es natürlich auch in der arabischen Welt Sex – und vor allem Prostitution. Dieses Tabu-Thema geht der in Paris geborene, aus Marokko stammende Regisseur Nabil Ayouch in "Much Loved" an, der sein Thema in Wort und Bild so drastisch darstellt, dass er in Marokko verboten wurde.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Frankreich/ Marokko 2015
Regie & Buch: Nabil Ayouch
Darsteller: Loubna Abidar, Halima Karaouane, Asmaa Lazrak, Sara El Mhamdi Elaaloui, Abdellah Didane
Länge: 104 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 14. April 2016

FILMKRITIK:

In Marrakesch, dem beliebten Touristenziel am Rand des Rif-Gebirges gehen sie ihrer Arbeit nach: Noha (Loubna Abidar), mit 28 die älteste, und die etwas jüngeren Soukaina (Halima Karaouane) und Randa (Asmaa Lazrak). In einem modernen Appartement leben sie, als wäre es eine Wohngemeinschaft, Nachts machen sie sich schön und ziehen sich aufreizend an, um sich an möglichst reiche Männer zu verkaufen. Diese kommen besonders aus dem erz-konservativen Königreich Saudi-Arabien ins liberalere Marokko, kaufen sich Frauen, benutzen und erniedrigen sie nach Gusto.
 
Viel Geld verdienen Noha und ihre Freundinnen mit ihrer Arbeit, sehen sich in der islamisch geprägten Gesellschaft aber vielfältigen Vorurteilen und Anfeindungen ausgesetzt. Wenn sie ihre Mutter besuchen geht, die in einem traditionellen Viertel der Stadt wohnt, tauscht Noha Minirock und tiefes Dekollete gegen Kaftan und Kopftuch aus und versucht für einen Moment, in eine andere Welt einzutauchen. Ihr kleiner Sohn, den ihre Mutter aufzieht, scheint Nohas Antrieb zu sein, doch einen Plan für ihr Leben hat sie nicht.
 
Nabil Ayouchs Film lebt von seinen Kontrasten, von der Gegenüberstellung der traditionellen, konservativen Gesellschaft Marokkos, mit dem Leben der Luxusprostituierten und ihrer Freier. Ausführlich und explizit zeigt Ayouch die Clubs, Bars und Parties, auf denen Noha und ihre Freundinnen Männer treffen, trinken, tanzen und sich den Wünschen ihrer Kunden gemäß mehr oder weniger erniedrigen. Die Reduzierung der Frauen auf das Doppel Mutter-Hure, das natürlich auch in der westlichen Welt, im westlichen Kino zu finden ist, wirken hier besonders extrem. Gerade die Scheichs aus dem ultra-konservativen Saudi-Arabien, in dem Frauen praktisch keine Rechte haben, befriedigen ihre natürlich dennoch vorhandenen Gelüste in anderen Ländern, behandeln die Frauen dann aber besonders abfällig.
 
Deutlich, manchmal auch überdeutlich betont Ayouch diese Scheinheiligkeit und bemüht sich, jeden Aspekt des Problems zumindest kurz anzureißen: Transvestiten, lesbische Frauen, ein missbrauchtes Kind tauchen auf, wodurch in der Fülle die einzelnen Figuren oft kaum mehr als Typen bleiben. Allein Noha ist ein komplexer Charakter, hin- und hergerissen zwischen ihrer Arbeit und wagen Hoffnungen auf ein anderes Leben. So eindringlich ist die Darstellung von Loubna Abidar, dass die Schauspielerin in ihrer marokkanischen Heimat immer wieder angegriffen wurde und inzwischen das Land verlassen musste.
 
Als unsittlicher, moralisch verwerflicher Film wurde "Too Much" in Marokko gebrandmarkt und darf nicht mehr aufgeführt werden. Aus westlicher Sicht zwar unverständlich, variiert "Much Loved" doch nichts anderes als Strukturen der Prostitution, wie sie praktisch überall zu finden sind, was dann auch zu manchem filmischen Klischee führt. Aus Sicht von Außen ist "Too Much" dementsprechend besonders dann interessant, wenn Ayouch das Leben der Frauen nicht in oft grenzwertig voyeuristischen Sexszenen zeigt, sondern ihren Alltag beobachtet. Durch diese Szenen, oft aus dem Auto gefilmte, impressionistische Aufnahmen, entsteht das Bild eines ambivalenten Landes, in dem ganz unterschiedliche Gruppen nebeneinander leben, so tun, als wüssten sie nichts voneinander, auch wenn sie oft eine Familie bilden. Die Folge ist eine emotionale Leere, die sich wie ein tragischer Schleicher über einen nicht ganz unproblematischen, aber sehenswerten Film legt.
 
Michael Meyns