Mütter und Töchter

„Mütter und Töchter“ ist ein klassischer Frauenfilm – und das nicht, weil die darin verhandelten Themen Männer nicht interessieren würden. Vielmehr weist die Geschichte Männern lediglich eine Nebenrolle zu. Im Zentrum stehen stattdessen drei spannende, miteinander verwobene Frauenschicksale. Rodrigo Garcia, Sohn des Literaur-Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Márquez, erzählt in seinem Film von der besonderen Verbindung zwischen Eltern und ihren Kindern, von einer bisweilen schmerzhaften Suche und den Bausteinen der eigenen Identität. Als ausführender Produzent fungierte Alejandro González Iñárritu („Babel“).

Webseite: www.muetter-und-toechter-film.de

OT: Mother and Child
USA 2009
Regie & Drehbuch: Rodrigo Garcia
Darsteller. Naomi Watts, Annette Bening, Kerry Washington, Jimmy Smits, Samuel L. Jackson, Cherry Jones
Laufzeit: 125 Minuten
Kinostart: 28.4.2011
Verleih: Universum

PRESSESTIMMEN:

Ein komplex konstruiertes, emotional aufrichtiges Ensembledrama, das auch wegen seiner brillanten Besetzung – Naomi Watts, Samuel L. Jackson, Annette Bening – nur selten sentimental wird. Auch auch für Väter und Söhne zu empfehlen.
Stern

FILMKRITIK:

Das Band zwischen Mutter und Tochter scheint unter allen Verwandtschaftsbeziehungen besonders eng geknüpft. So nah beisammen wie an dieser Stelle ist Familie nur selten. Ausgehend von dieser Beobachtung erzählt Rodrigo Garcia in „Mütter und Töchter“ gleich von mehreren, recht unterschiedlichen Banden, die – obwohl abgerissen, unterentwickelt oder scheinbar überhaupt nicht existent – die Leben der mit ihnen verbundenen Eltern und Kinder auf eine sehr bestimmte Art prägen und beeinflussen. Drei Schicksale, die von Garcia zunächst isoliert betrachtet und im letzten Drittel des Films dann zueinander geführt werden, bilden das narrative Gerüst.

Für Karen (Annette Bening) liegt das Ereignis, was sie bis heute nicht losgelassen hat, inzwischen fast vier Jahrzehnte zurück. Damals, mit gerade einmal 14 Jahren, sah sie sich gezwungen, ihre Tochter zur Adoption freizugeben. Während sie unterstützt von ihrem neuen Freund Paco (Jimmy Smits) die Suche nach der mittlerweile erwachsenen Tochter wieder aufnimmt, befindet sich die erfolgreiche Anwältin Elizabeth (Naomi Watts) ihrerseits auf der Suche nach der Mutter, die sie nie hatte. Schnell ist klar, dass Karen und Elizabeth eine gemeinsame Vergangenheit teilen. Welche Rolle hingegen der jungen Lucy (Kerry Washington) zukommt, zeigt sich erst viel später. Zusammen mit ihrem Mann hat sie alles versucht, um schwanger zu werden – vergeblich. Ihre letzte Hoffnung lautet daher Adoption. Doch die Frau, die Lucys Baby auf die Welt bringen soll, plagen Zweifel, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hat.

Über weite Strecken einfühlsam und zurückhaltend erzählt, entwirft Garcia ein stimmiges Bild von Mutterschaft in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Vor allem aus der Abwesenheit von Nähe und gemeinsam verlebter Zeit, die nach Garcias Meinung mehr als die rein biologische Komponente das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern bestimmt, ergeben sich mitunter recht komplexe Fragestellungen. Lässt sich auch nach dreißig oder vierzig Jahren eine „normale“ Mutter-Tochter-Beziehung neu aufbauen? Wie beeinflusst eine solch lange Trennung unsere Identität? Und was geschieht eigentlich mit uns, wenn wir ohne Kenntnis unserer Herkunft aufwachsen? Garcia deutet immer wieder Antworten an. So portraitiert er Elizabeth als eine entwurzelte Frau, die sich im Job vermeintlich männliche Eigenschaften aneignet und gleichzeitig in ihren Beziehungen vor jeder festen Bindung zurückschreckt. Mit dieser naheliegenden Analyse wagt sich der Film allerdings auch sehr auf hobbypsychologisches Glatteis. Vermutlich sind die wahren Folgen vielschichtiger, als dass man sie problemlos in zwei Stunden Kino verpacken könnte.

Spätestens seit „L.A. Crash“ erfreuen sich Filme mit parallel verlaufenden Handlungssträngen und finaler Übereinkunft großer Beliebtheit. Dabei scheint es letztlich egal zu sein, wie kunstvoll ein Regisseur das im Drehbuch angelegte Puzzle am Ende auch auflöst. Der Geschichte haftet stets etwas Künstliches an, da mit Blick auf das Ende Wendungen forciert und Zusammenhänge konstruiert werden. Auch in „Mütter und Töchter“ treten bestimmte Stellschrauben des Drehbuchs überdeutlich hervor und doch mag man hier großzügiger als in anderen Fällen über sie hinwegsehen. Das liegt zum einen an Garcias Fähigkeit, sein sehr persönliches Anliegen in lebendige, glaubhafte Charaktere einfließen zu lassen, zum anderen garantieren die Schauspieler – und da ganz besonders die zuletzt für ihre Rolle in „The Kids are all right“ Oscar-nominierte Annette Bening –, dass man dieser Geschichte über das Suchen und Finden jederzeit mit Interesse und Empathie folgt.

Marcus Wessel

Karen, Physiotherapeutin, hat einen großen Lebenskummer. Mit 14 Jahren bekam sie ein Töchterchen, das sie auf Druck ihrer Mutter zur Adoption freigeben musste. Seither hat sie, u. a. in Briefen, nie aufgehört, nach dem Kind zu suchen.

Ihr Arbeitskollege Paco hat ein Auge auf sie geworfen. Lange zeigt sie nicht das geringste Interesse. Erst nach dem Tod von Karens Mutter wird das anders.

Elisabeth ist Anwältin. Ehrgeizig wie sie sich gibt, will sie Richterin an einem hohen Gericht werden. Sie bekommt zunächst einmal eine tolle Stelle bei ihrem farbigen Chef Paul. Es folgt eine leidenschaftliche Liebesaffäre zwischen den beiden. Elisabeth, die als Kind zur Adoption freigegeben worden war, hinterlegt nach vielen Jahren einen Brief bei der Adoptionsagentur; vielleicht kommt es dadurch doch einmal zu einer Begegnung mit der leiblichen Mutter.

Elisabeth ist schwanger. Das Kind ist von Paul. Sie stirbt bei der Geburt. Jemand wird sich um das neugeborene Mädchen kümmern müssen.

Zu Lucys Glück fehlt ein Kind. Von einer jungen schwarzen Studentin, die ihr Baby adoptieren lassen will, hat sie ein Kind in Aussicht. Doch dann überlegt es sich die Studentin anders. Lucy und ihr Mann sind verzweifelt.

In letzter Sekunde wendet sich das Blatt. Das Kind der toten Elisabeth ist ja frei. Lucy ist glücklich.

Inzwischen wurde in der Adoptionsagentur auch Elisabeths Brief an ihre leibliche Mutter Karen gefunden. Diese kann jetzt zu Lucy und Elisabeths Töchterchen eilen.

Der Kreis hat sich geschlossen.

Die drei Lebensläufe – Karen, Elisabeth, Lucy – werden zunächst einzeln ausführlich und dramatisch geschildert. Gute Arbeit. Ziemlich lange weiß man nicht, in welcher Beziehung die drei Frauen zueinander stehen. Das hält die Spannung aufrecht. Dann führt der Film die Schicksale zusammen. Die Rätsel werden aufgelöst. Wieder gute Drehbuch- und Regiearbeit.

Über die Darsteller kann man sich wahrlich nicht beklagen. Sie gehören zur ersten Garnitur – vom Bekanntheitsgrad und von der künstlerischen Tätigkeit her. Annette Bening (Karen), Noami Watts (Elisabeth), Samuel L. Jackson (Paul), Kerry Washington (Lucy), Jimmy Smits (Paco) und andere sind dabei. Erneut gute Arbeit.

Thomas Engel