Multiple Schicksale

Als Jann Kessler fünf Jahre alt war, wurde bei seiner Mutter Multiple Sklerose diagnostiziert. Lange Jahre fiel es ihm schwer, mit der stetig schlimmer werdenden Krankheit seiner Mutter umzugehen, dann begann er, die sehenswerte Dokumentation "Multiple Schicksale" über sie und andere an Multiplet Sklerose leidende Menschen zu drehen. Die Jugend und Unerfahrenheit des Regisseurs ist dabei gleichermaßen Schwäche wie Stärke.

Webseite: www.ms-derfilm.de

Schweiz 2015 – Dokumentation
Regie & Buch: Jann Kessler
Länge: 85 Minuten
Verleih: Spot On Distribution/FilmAgentinnen
Kinostart: 15. September 2016
 

Pressestimmen:

"Krankengeschichten sind das Memento mori unserer Zeit. Sie konfrontieren mit existenziellen Grenzsituationen. Tief bewegend gelingt das dem erst 20-jährigen Schweizer Jann Kessler, der, ausgehend vom Schicksal seiner Mutter, sechs an Multipler Sklerose Erkrankte besucht und porträtiert. Sechs Begegnungen, geschildert mit einem intensiven, aus Nähe und hellsichtiger Empathie gespeisten Blick."
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

FILMKRITIK:

In Zeiten günstiger und dennoch qualitativ ausreichender Kameras ist Film als Mittel zur Selbsttherapie immer beliebter geworden. Die persönliche Note, die dieser Art von dokumentarischem Kino beiwohnt, soll Authentizität und besondere Nähe vermitteln, ein Ansatz, der oft mit dem Verzicht auf Objektivität, einen Blick auf das große Ganze erkauft wird. Auf diesem schmalen Grad bewegt sich auch Jann Kessler mit seiner Dokumentation "Multiple Schicksale", die als Analyse des Verhältnisses von Regisseur zu seiner Mutter beginnt,  jedoch zunehmend zu oft berührenden Porträts diverser an Multipler Sklerose erkrankter Menschen und ihrer Angehöriger führt.

Wie Kessler zu Beginn berichtet, hatte er jahrelang kaum Kontakt zu seiner Mutter, besuchte sie nicht in dem Pflegeheim, in dem sie seit Jahren leben musste, nachdem die Krankheit ihre Muskeln zunehmend angegriffen und ihr das Sprechen unmöglich gemacht hatte. Der Umgang mit MS viel dem Heranwachsenden offensichtlich und wenig überraschend schwer, zur Hinterfragung seines Verhaltens drehte er schließlich einen Film. Anfangs nur ein Projekt für seine Abitur-Prüfung, überarbeitete Kessler die erste Fassung mit Hilfe des bekannten Schweizer Dokumentarfilmers Martin Witz und feierte in seiner Heimat einen bemerkenswerten Kinoerfolg.

Die bettlägrige Mutter ist zwar Ausgangs- und Drehpunkt des Films, zu dem Kessler immer wieder zurückkehrt, den Hauptteil von "Multiple Schicksale" machen jedoch sechs andere an MS erkrankte Personen aus, Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, die erst seit kurzem oder seit Jahrzehnten von ihrer Krankheit wissen, mal weniger, mal schwerer von ihr betroffen sind. Die 21jährige Luana weiß etwa erst seit drei Jahren, dass sie MS hat, muss inzwischen schon im Rollstuhl sitzen und versucht, eine Ausbildung zu beginnen. Der Mitvierziger Oliver dagegen kann sich noch weitestgehend selbstständig bewegen, nur die zunehmende Müdigkeit plagt ihn.

Besonders ergreifend sind die Aufnahmen mit Rainer, der seit Jahren seine Wohnung nicht mehr verlassen konnte, von seiner Frau und den beiden Töchtern betreut wird und im Laufe der Dreharbeiten beschließt, sein zunehmendes Siechtum nicht mehr hinzunehmen: Er setzt seinem Leben mit Unterstützung der Sterbehilfeorganisation Exit ein selbstbestimmtes Ende. Wie sensibel und berührend Jann Kessler diese Momente filmt, trotz der Nähe zum Sterbenden und seiner Familie kein Voyeurismus entsteht, deutet an, welch filmisches Talent Kessler besitzt.

Dass sein Film gerade in Bildgestaltung, visuellem Schnickschnack und Dramaturgie bisweilen die Unerfahrenheit des Regisseurs nicht verhehlen kann, lässt "Multiple Schicksale" in Momenten zwar etwas unprofessionell wirken. Mehr als aufgewogen wird dies jedoch durch die Nähe Kesslers zu seinem Thema, seinen persönlichen Ansatz, der nicht nur zu einem sehenswerten Film geführt hat, sondern auch zur Wiederannäherung des Regisseurs zu seiner Mutter.
 
Michael Meyns