My Blueberry Nights

Für „My Blueberry Nights“ hat Hongkong-Regisseur Wong Kar-Wai nicht nur erstmals in den USA, sondern auch mit britischen und amerikanischen Darstellern gedreht: In ihrer ersten Filmrolle fährt Jazzsängerin Norah Jones mit gebrochenem Herz quer durch das Land und einer großen, neuen Liebe entgegen – und trifft mit Natalie Portman und Rachel Weisz auch andere Menschen, die alle die traurigen Gefühle gescheiterter Beziehungen in sich tragen. Während Wong dabei erneut einige seiner bekannten Themen und Motive variiert, verschmelzen die erlesene Musik, lyrisch-reflexive Off-Gedanken und Neonlichtimpressionen in leicht überhitzten Farben abermals zu einer melancholischen Liebesgeschichte. Das Resultat ist allerdings weniger intensiv emotional als gewohnt, sondern wirkt wie eine leichte Brise. Zart, flüchtig, schön für den Moment.

Webseite: www.myblueberrynights.de

Frankreich, Hongkong 2007
Regie: Wong Kar-wai
Drehbuch: Wong Kar-wai, Lawrence Block
Darsteller: Norah Jones, Jude Law, Natalie Protman, Rachel Weisz, David Strathairn
Kamera: Darius Khondji
111 Minuten, Farbe
Verleih: Prokino
Start: 1. November 2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Laut Wong Kar-Wai war „My Blueberry Nights“ ein spontanes und schnelles Projekt – ganz anders also noch als vor zwei Jahren seine Sehnsuchtselegie „2046“, an der er ganze fünf Jahre drehte, schnitt und komponierte. Auch der kulturelle Kontext ist diesmal ein ganz anderer: Seine erneute Momentaufnahme zerronnener Lieben ist Wongs erstes englischsprachiges Projekt mit britischen und amerikanischen Kinostars, das an US-Schauplätzen zwischen New York und Kalifornien gedreht wurde. Auch in dem Liebesroadmovie selbst geht es um die Überwindung ganz realer, aber auch emotionaler Distanzen: Die Jazzsängerin Norah Jones, hier in ihrer ersten Kinorolle zu sehen, reist quer durch die USA, um über eine gescheiterte Beziehung hinweg zu kommen und einen Neuanfang mit einer neuen Liebe zu finden.

Angefangen mit Jude Law als verlassener Betreiber eines New Yorker Diners über das dysfunktionale Paar Rachel Weisz, David Strathairn bis hin zu Natalie Portman, einer Spielerin in Las Vegas: All die Menschen die Jones auf ihrer Reise mit wechselnden Gelegenheitsjobs in Diners und Bars begegnet, tragen auch alle die traurigen Emotionen gescheiterter Beziehungen in sich. Trotz ihres überraschenden Talents wirkt die Grammy-Preisträgerin mit ihren großen Augen, ihrem klaren Gesicht und ihrer Natürlichkeit zwischen all den Schauspielprofis an ihrer Seite manchmal wie eine Beobachterin, bleibt ihre Figur eher flüchtig.

Abgesehen von den Darstellern ist sehr vieles von Wongs Themenpark trotz des neuen Umfelds bekannt und eine Variation von Motiven und Stimmungen seiner bisherigen Werke wie „In the Mood for Love“ oder „Chungking Express“: der durch die Luft wirbelnde Zigarettenrauch und die in der Nacht verschwindenden U-Bahn-Züge, die Zeitraffer und Zeitlupen. Erneut verschmelzen erlesene Musik (hier u.a. Ry Cooders Blues), lyrisch-reflexive Off-Gedanken und Neonlichtimpressionen in leicht überhitzten Farben, die diesmal allerdings nicht von Wongs kongenialem Stammkameramann Christopher Doyle, sondern von Darius Khondji stammen.

Anders als „In the Mood for Love“ oder „Happy Together“ dringt „My Blueberry Nights“ oft vielleicht nicht weit genug unter die Oberfläche. Manchmal allerdings entstehen auch hier diese typischen Momente, in denen der Regisseur so betörend den Sehnsuchtsschmerz einfängt, wie es kaum einem anderen Regisseur gelingt. Doch auch, dass es zwischen Law und Jones mit einem der sinnlichsten Filmküsse seit einiger Zeit knistert, täuscht nicht darüber hinweg, dass der Film kaum mehr als eine leichte Brise ist. Zart. Schön für den Moment.

Sascha Rettig

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Jeremy betreibt ein Café in einem der New Yorker Vorstadtviertel. In einer Zigarettenpause vor der Tür sieht er, wie Lizzie von ihrem Freund betrogen und verlassen wird. Der Schmerz ist groß und offensichtlich.

Lizzie betritt das Café. Sie und Jeremy nehmen einen Drink, empfinden rasch Sympathie, philosophieren über das Leben, trösten sich indirekt, weil auch Jeremy von Katya verlassen wurde. Lizzie schläft ein. Jeremy gibt ihr einen zarten Kuss. Das ist alles. So geht das einige Tage.

Jetzt zieht Lizzie fort – weiter westwärts. Was wird die Zukunft bringen? Die junge Frau spart ihr Geld für ein Auto, das ist alles, was sie im Augenblick weiß. Sie jobbt als Kellnerin, tagsüber in einem Café, nachts in einer Bar. Dort erlebt sie zwischen Sue Lynne und dem wegen der Trennung von dieser zum Trinker gewordenen Cop Arnie ein Ehedrama, wie es drastischer und tödlicher nicht sein könnte.

Sie verlässt diesen traurigen Platz. An jedem neuen Ort tritt sie mit einer Variation ihres eigentlichen Namens Elisabeth auf. Betty heißt sie zur Zeit. In einem Casino trifft sie auf Leslie, eine flatterhafte Spielerin, die zu spät ein kindgerechtes und korrektes Verhältnis zu ihrem sterbenden Vater sucht und mit der sie eine Zeitlang zusammen ist.

Nun scheint die Zeit der Trauer vorbei zu sein. Es bedurfte dieses großen und langen Umweges, damit Lizzie wieder zu sich selbst finden konnte. Erst jetzt weiß sie, dass sie Jeremy liebt, dem sie immer wieder Postkarten schrieb und der seinerseits sie all die Zeit vergeblich suchte.

Die von Kar-wai und seinem Drehbuchschreiber Lawrence Block ausgedachte Handlung sowie der Inszenierungsstil sind manchmal intensiv, manchmal sehr flüchtig, aber auch wegen im wahrsten Sinne des Wortes traumhafter Farben und Bilder immer zu genießen. Die Regie gleicht ein wenig dem improvisierten Suchen und Leben Lizzies, die ein Jahr gebraucht hat, um einzusehen, dass ihre Belastung und Sorgen nicht größer sind als die derer, denen sie auf der Reise begegnet ist, und die endlich mit sich ins Reine kommt. Ein schöner Film.

Hervorragende Darsteller erhöhen noch das Niveau. Jude Law ist ein cooler Jeremy, die Sängerin Norah Jones macht in ihrer ersten Filmrolle eine gute und liebenswerte Figur. Rachel Weisz ist die zuerst aufreizende, später geknickte Sue Lynne, die schöne Natalie Portman ist die hoch pokernde und dann doch verlorene Leslie. Chan Marshall als Katya hat nur einen sehr kurzen Auftritt, dafür ist David Strathairn als Arnie umso beeindruckender.

Thomas Engel