My Name Is Salt

Wäre der Titel „Das Salz der Erde“ nicht schon vergeben, er würde perfekt zu Farida Pachas Dokumentation „My Name is Salt“ passen. Denn in ihrem faszinierenden Film zeigt die indische Regisseurin in bester dokumentarischer Manier, mit welchen Mühen Wanderarbeiter in einer indischen Wüste der Erde Salz abtrotzen.

Webseite: www.mynameissalt.com

Indien/ Schweiz 2013 – Dokumentation
Regie: Farida Pacha
Länge: 92 Minuten
Verleih: Kairos
Kinostart: 26. November 2015

FILMKRITIK:

Im Westen Indiens, in der Provinz Gujarat, liegt die Salzwüste Kutch. 5000 km² groß, nach dem Monsunregen ein See, doch zwei Drittel des Jahres trocken, von der Sonne ausgebleicht und Jahr für Jahr das Ziel von tausenden Wanderarbeitern. Mit ihrer Ankunft beginnt der Film, der penibel jeden Schritt in der mühseligen Salzgewinnung zeigt. Aus dem Nichts, mitten in der Wüste, bauen die Arbeiter, die für acht Monate mit ihrer gesamten Familie und vermutlich mit praktisch all ihrem Hab und Gut in der Wüste leben, Salinen auf, bohren ein tiefes Loch in den lehmigen Boden und beginnen Salzwasser auf die Felder zu pumpen.

Riesige Flächen werden geflutet und fast wie ein Acker gehegt und gepflegt. Mal stampfen sämtliche Familienmitglieder in Reih und Glied über die sich bildende Salzkruste, mal werden Sträucher in das flache Wasser gelegt, vermutlich um den Kristallisationsprozess zu fördern. Was genau die Funktion der einzelnen Schritte ist, kann man oft nur ahnen, denn Regisseurin Farida Pachas verzichtet in ihrem Film komplett auf Interviews, erklärendes Voice-Over und Einblendungen.
 
Klassisch dokumentarisch ist ihre Herangehensweise, ruhig beobachtend, distanziert, aber doch mit unverhohlener Sympathie für die Arbeiter und ihre beschwerliche Tätigkeit. Die Präzision, mit der die einzelnen Arbeitsschritte dokumentiert werden, erinnert an Filme Harun Farockis, die oft ebenso von einer großen Faszination für Prozesse, für Tätigkeiten geprägt waren. Ganz so spartanisch ist „My Name is Salt“ aber nicht: Kameramann Lutz Konermann findet oft lyrische Bilder, vorsichtig eingesetzte Musik punktiert die langen Monate der Arbeit, ein gewisses Pathos ist immer wieder zu spüren.
 
Doch Farida Pacha schwebte kein sozial engagierter Film vor, keine Anklage der schwierigen Arbeitsbedingungen, der schlechten Bezahlung, des Drucks der Einkäufer. All diese Aspekte sind präsent, aber nur am Rand spürbar, als Teil des Ganzen. Mal hört man einen Arbeiter mit einem Händler telefonieren und über Preise diskutieren, mal sieht man eine Schule, die den Kindern der Arbeiter zumindest ein bisschen Bildung vermittelt, bevor sie selbst Teil der Familientradition werden und Salz abbauen.
 
Kern von „My Name is Salt“ bleibt jedoch der Salzabbau an sich, nicht zuletzt aber auch der Stolz, den die Arbeiter empfinden. Wenn sie nach Monaten der beschwerlichen Arbeit endlich die Salzkristalle in der Hand haben, keine kleinen Körner wie sie in Deutschland aus der Salzpackung kommen, sondern große, leuchtend weiße Kristalle, dann begreift man endgültig, warum Salz Jahrhunderte lang einen solchen Wert hatte. – Und für manche Menschen auch heute noch hat, auch wenn es für die meisten nur ein Alltagsprodukt ist, über das man nicht nachdenkt.
 
Michael Meyns