My Zoe

Stell dir vor, deine kleine Tochter wacht eines Morgens einfach nicht mehr auf. Eine Notoperation bringt keine Besserung, die Ärzte sind ohnmächtig. Und plötzlich eröffnet sich eine Chance durch einen modernen Frankenstein und seine illegalen Methoden. Vor diesem Dilemma steht die geschiedene Mutter und Wissenschaftlerin Isabelle. Gespielt wird sie von Julie Delpy, die diese Geschichte erdachte und zugleich die Regie übernahm. In ihrer siebten Inszenierung verabschiedet sich die Delpy von ihren fluffig plappernden Liebes-Komödien à la Woody Allen und präsentiert ein Melodram, das ans Eingemachte geht. Gibt es Grenzen für eine rigorose Mutterliebe? Wo liegen die ethischen Schranken einer Wissenschaft, die längst nicht nur Schafe klonen kann? Das dürfte für leidenschaftliche Diskussionen nach dem Abspann sorgen – zumal nach einem ziemlich verblüffenden Finale!

Webseite: www.warnerbros.de

Deutschland / Frankreich 2019
Regie: Julie Delpy
Darsteller: Julie Delpy, Daniel Brühl, Gemma Artenton, Richard Armitage, Saleh Bakri, Sophia Ally
Filmlänge: 102 Minuten
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH
Kinostart: 14.11.2019

FILMKRITIK:

„Wenn alles nichts ist, ist nichts alles?“, die siebenjährige Zoe ist ein aufgewecktes Kind, das ihrer Mutter gerne Löcher in den Bauch fragt. Für Isabelle (Julie Delpy) ist die Tochter der absolute Mittelpunkt ihrer Welt, erst recht, nachdem ihre Ehe mit dem erfolgreichen Architekten James in die Brüche ging. Das Paar lebt nun getrennt in Berlin und ist in ständigem Zank um Zoe. Wer das Mädchen zu welchen Tagen bekommt, lässt sich mittlerweile nur durch eine Mediation klären. Die Atmosphäre ist chronisch gereizt. Nicht zuletzt, weil James ausgesprochen eifersüchtig auf den neuen Partner seiner Ex reagiert.
 
Um ihre Karriere als Gen-Wissenschaftlerin nicht zu gefährden, engagiert Isabelle ein Kindermädchen, das in ihrer Abwesenheit auf Zoe aufpasst. Gleichwohl mutiert sie immer mehr zu einer fast panischen Helikopter-Mutter, die permanent um die Tochter besorgt ist. Der Schock ist groß, als das Kind eines Morgens einfach nicht mehr aufwacht. Der herbeigerufene Notarzt kann das Mädchen stabilisieren, doch in der Klinik folgt eine Hiobsbotschaft der nächsten. Koma. Not-Operation. Diagnose ungewiss. Die wartenden Eltern reagieren in dieser Ausnahmesituation am Krankenbett ohnmächtig, verzweifelt – und gereizter denn je. „Warst du in dieser Nacht mit deinem neuen Typen zusammen? Und hast nichts mitbekommen?“ will James wissen. Für Vorwürfe bleibt jetzt jedoch keine Zeit, der Zustand von Zoe verschlechtert sich rapide.
 
In ihrer dramatischen Lage sieht die verzweifelte Mutter nur noch eine Chance: Ein deutscher Genetik-Spezialist (Daniel Brühl) mit zweifelhaftem Ruf, der sich in Moskau niedergelassen, soll den Lauf des Schicksals aufhalten. „Ich kann die Toten nicht zurückbringen!“, verweigert der Arzt zunächst seine Hilfe und verweist auf die Gesetzeslage. Doch dann ist er doch bereits zu einem medizinischen Experiment, das über alle Grenzen geht. Heute undenkbar? Deshalb verlegt Delpy die Story mit einem kurzen Nebensatz in die nahe Zukunft anno 2024.
 
Lange hat Delpy an diesem Herzensprojekt gearbeitet. Auslöser war Anfang der 90er Jahre die Begegnung mit Krzysztof Kieślowski, mit dem sie „Drei Farben: Weiß“ drehte und viel über Schicksal und Verlust sprach. Die Finanzierung entpuppte sich indes als schwierig. Erst mit Daniel Brühl im Boot, der hier sein Debüt als Produzent gibt, konnten schließlich die Dreharbeiten in Berlin beginnen.
 
Im Unterschied zu ihren flauschig flotten Palaver-Komödie à la „Zwei Tage Paris“ im pointierten Woody Allen-Modus, will der dramaturgische Kuchen hier zunächst nicht so ganz so gut zu gelingen. Vieles dreht sich wiederholend im Kreis ohne emotionalen Mehrwert. Die klammernde Helikopter-Mutter hat man nach wenigen Minuten schon kapiert, das Auswalzen hätte es kaum gebraucht. Weniger ist mehr, hätte auch dem Rosenkrieg besser getan, dessen Gezänk kaum je ein nächstes Level erreicht. Derweil die ständigen Hiobsbotschaften der Ärzte wie aus einem Malen-nach-Zahlen-Baukasten einer Krankenhaus-Serie wirken.
 
Weniger stereotype Konflikte mit klischeehafter Auflösung hätten dem Melodram sicher gutgetan. Gleichwohl überzeugt auf der Haben-Seite eine ziemlich rigorose Geschichte mit radikalen Fragen: Wie weit würde eine Mutter gehen? Wie will, kann, soll, muss Wissenschaft sich verhalten in Zeiten, in denen das Klonen von Schaf Dolly längst Science-Fiction von gestern ist?
 
Die erzählerischen Macken werden zudem kompensiert durch eine leidenschaftliche, glaubwürdige Darstellung der Delpy, die als verzweifelte Mutter das Publikum absolut auf ihrer Seite hat. Zudem durch die schon traditionelle Lässigkeit des Daniel Brühl, der als Doktor Frankenstein in diesem feministischen Science-Fiction eine ähnlich coole Nummer liefert wie einst als nackter Porsche-Fahrer in „Ein Freund von mir“ an der Seite von Jürgen Vogel. Demnächst wird der Jung-Produzent auch als Regisseur sein Debüt gegen – man darf gespannt sein.
 
Dieter Oßwald