Nach der Revolution

Gebannt schaut die Welt schon seit Januar 2011 auf Ägypten. An diesem Tag begann mit der ersten großen Demonstration gegen das Mubarak-Regime auf dem Tahrir-Platz ein Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Mubarak regiert nicht mehr, aber wohin das Land sich entwickelt, vermag niemand vorherzusagen. Aus dieser ungeheuer intensiven Situation macht Regisseur Yousry Nasrallah einen nicht minder intensiven Spielfilm, der sich vieler dokumentarischer Szenen bedient. Eine Fiktion, die realer wirkt als alle Fernsehbilder, und einen Kontext herstellt für die Schwierigkeiten, vor denen Ägypten steht.

Webseite: www.revolution-derfilm.de

Originaltitel: Baad El Mawkeaa/After The Battle
Ägypten, Frankreich 2012
Regie: Yousry Nasrallah
Buch: Yousry Nasrallah, Omar Shama
Darsteller: Menna Shalabi, Bassrem Samra, Nahed El Sabaï, Salah Abdallah, Phaedra
Länge: 122 Minuten
Verleih: polyband Medien
Kinostart: 30. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Für viele ist Mahmoud (Bassem Samra) ein Mann ohne Ehre. Nicht nur, dass er sich vom Mubarak-Regime hat aufhetzen lassen und zu den Reitern gehörte, die am 2. Februar 2011friedliche Demonstranten auf dem Tahrir-Platz angriffen. Nein, er wurde auch noch vom Pferd gezogen, geschlagen und brach in Tränen aus. Die Bilder davon laufen noch immer im Fernsehen. Dabei geht es Mahmoud und seiner Familie ohnehin schon dreckig: In die unmittelbar an den Pyramiden gelegene Siedlung Nazlet El-Samman verirrt sich seit den Unruhen kaum noch ein Tourist, nicht einmal das Futter für sein Pferd kann er sich leisten. In dieser Situation lässt er sich mit der jungen Studentin Reem (Bassem Samra) ein, auf einem Reiterfest küssen sich die beiden. Über die Affäre erfährt Reem, eine moderne Ägypterin, die sich für Frauenrechte einsetzt, wie sich die Menschen in Nazlet El-Samman fühlen. Sie will helfen.

Regisseur Yousry Nasrallah legt in seinem groß angelegten Gesellschaftspanorama die Brüche, Verwerfungen und Widersprüche im Ägypten von heute frei. Hier die Welt von Reem in Kairo, deren Wohnung mit allen Annehmlichkeiten des Westens ausgestattet ist und sich nicht von Single-Wohnungen in Berlin, Paris oder Rom unterscheidet. Dort das von allen Entwicklungen abgekoppelte Nazlet El-Samman, wo Armut und Hoffnungslosigkeit herrschen. Sogar eine Mauer, die den Blick auf die Pyramiden versperrt, ließen Politiker hochziehen, um die Menschen von hier zu vertreiben und das Gebiet in lukratives Bauland zu verwandeln.

Durchgängig vermischt der Film dokumentarische Bilder, die zum Teil aus dem Archiv stammen, teils aber auch vom Team selbst auf dem Tahrir-Platz gedreht wurden. Mit ihnen verwurzelt Nasrallah den Film in der Realität, macht seine Erzählung zum Teil der ägyptischen Wirklichkeit. Seine Inszenierungskunst erinnert an den italienischen Neorealismus, er vermeidet aber dessen Sentimentlität. Gleichzeitig aber, und vor allem für uns Zuschauer im Westen wichtig, fügt er den Bildern der Nachrichten einen Kontext hinzu, er gibt ihnen einen gleichsam einen Körper. So erfahren wir, dass Mahmoud nur dehalb auf den Tahrir-Platz ritt, weil man ihm sagte, wenn er Mubarak unterstütze, kämen auch die Touristen wieder.

Die Situation in Ägypten ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint, es gibt hier nicht nur Gut und Böse. Nasrallah findet für diese Ausgangslage ein kongeniales Schlussbild, das auch seiner eigenen Einschätzung entspricht: „Die eigentliche Revolution hat noch gar nicht begonnen. Aber das Verlangen nach der Möglichkeit, ein anderes Leben zu führen.“ In mehreren Szenen sprechen die Menschen darüber, wie es weitergehen soll, über Löhne, Gerechtigkeit, Gewerkschaften. Es sind Bilder einer lebendigen Demokratie aus einem Land, dessen Machthaber und Institutionen noch lange nicht so weit sind wie sein Volk.

Oliver Kaever

Der „arabische Frühling“ hat begonnen, er steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien – das alles sind Beispiele dafür.

Hier geht es um Ägypten (2011): um die Demonstrationen auf dem Kairoer Tahrir-Platz; um den Kampf für die Gleichberechtigung der Frau; um die sozialen Unterschiede zwischen mächtig und ohnmächtig; um den durch das Ausbleiben der Touristen entstandenen volkswirtschaftlichen Schaden; um den Kampf zwischen den Revolutionären und den Anhängern Mubaraks; um den Sturz Mubaraks; um das Verhalten der Islamisten; um die Rechte der Christen bzw. Kopten; um die zwielichtige Rolle der Armee; um die Haltung der Polizei; um einen falschen Ehrbegriff; um die Arbeitslosigkeit vieler; um das dramatische Schicksal einer Familie.

Regiemäßig logisch und stringent aufgebaut ist das keineswegs, seine Wirkung verfehlt es trotzdem nicht. Denn es ist ausdrucksstark, emotional, südländisch und in vielem authentisch.

Mahmoud hat eine Frau, Fatma, und zwei Kinder. Er ist Reiter, führt mit seinem Pferd Tänze auf und stellt es nahe den Pyramiden offenbar auch Touristen zur Verfügung. Er nimmt auf dem Tahrir-Platz an dem Angriff teil, als Reiter auf Pferden und Kamelen auf friedliche Demonstranten losgehen. Er wird vom Pferd gerissen, verprügelt. Er weint. Seine Ehre ist damit dahin.

Er lernt die kurz vor der Scheidung stehende junge Reem kennen, eine gleichzeitig energische und humane Werbefachfrau und Frauenrechtlerin. Dieses Techtelmechtel, das nichts Halbes und nichts Ganzes ist, seine Arbeitslosigkeit, das Verhalten eines reichen und satten Clanchefs, die Differenzen mit Fatma – das alles macht ihn fertig, unsicher. Mahmoud ist ein typisches Opfer der Situation und der Zeit, die Ägypten 2011 durchmachte und immer noch durchmacht.

Menschlich geht einiges durcheinander, politisch sowieso. Der Film bietet ein einprägsames, plastisches Bild davon.

Die Darsteller (Menna Shalabi als Reem, Bassem Samra als Mahmoud, Nahed El Sebai als Fatma, Salah Abdallah als Clanchef und Phaedra als Reems Freundin Dina) sind hierzulande wenig oder nicht bekannt, leisten jedoch vorzügliche Arbeit.

Thomas Engel