Nach einer wahren Geschichte

Jack Torrance war einer, Mort Rainey ebenfalls und Barton Fink sowieso – die Rede ist von Schriftstellern; eine Berufsgattung, die es im Kino besonders schwer zu haben scheint. Viele von ihnen verfallen irgendwann dem Wahnsinn – oder gelangen, wie im Falle der Stephen-King-Romanadaption „Misery“, in die Hände des personifizierten Irrsinns. Diesem Konzept neue Perspektiven und Ideen abzugewinnen, wäre nun die Aufgabe Roman Polanskis gewesen, dessen neuester Film „Nach einer wahren Geschichte“ im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes vorgestellt wurde und auf genau diesen Zug aufspringt. Darin erzählt er von einer erfolgreichen Romanautorin, die ihre Schreibblockade mithilfe einer geheimnisvollen Fremden überbrückt – doch, wenn eine Person völlig unvermittelt in das Leben einer anderen tritt, und dieser dann auch noch frappierend ähnlich sieht, braucht es nicht zwingend allzu viel Fachverstand, um sich auszumalen, wohin die Reise geht. Und so enttäuschend es auch ist: Neue Facetten kann Polanski der von Anfang bis Ende vorhersehbaren Prämisse auch nicht abgewinnen.

Webseite: www.studiocanal.de

D'après une Histoire Vraie
Frankreich 2018
Regie: Roman Polanski
Darsteller: Emmanuelle Seigner, Eva Green, Vincent Perez
Länge: 100 Min.
Verleih: Studiocanal
Start: 17.5.2018

FILMKRITIK:

Obwohl ihr letztes Buch ein voller Erfolg war, ist die Bestsellerautorin Delphine (Emmanuelle Seigner) am Ende ihrer Kräfte. Ans Schreiben ist nicht zu denken: eine klassische Blockade, die auch mit dem Inhalt ihres aktuellen Romans zusammenhängt, in dem sie über ihre Familie geschrieben hat. Zwischen Autogrammstunden und Interviews lernt sie eines Tages eine charmante Frau kennen. Sie nennt sich nur Elle (Eva Green) und offenbart sich Delphine als eine Art Muse. Elle treibt sie zu neuen Gedankengängen an, steht ihr in allen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite und gibt sich sogar für sie aus, als sich Delphine dem Druck einer öffentlichen Veranstaltung wieder einmal nicht gewachsen fühlt. Als die Autorin in Elle schließlich das Thema ihres nächsten Buches erkennt, scheint es allerdings längst zu spät, denn diese hat ganz andere Pläne… 

Altbekannte Themen neu aufzuziehen, ist erst einmal nichts Schlimmes und geschieht gerade im hochbudgetierten Blockbusterkino nahezu wöchentlich. Dass nun ausgerechnet Regielegende Roman Polanski („Der Gott des Gemetzels“) auf derart ausgetretenen Pfaden wandelt, ist schon eine Enttäuschung; zumal er mit Olivier Assayas einen Autor an seiner Seite hat, der für subtil-psychologische Charakterstudien wie prädestiniert ist. Doch „Nach einer wahren Geschichte“ fehlt es an ebenjener Tiefe, mit der seine Werke wie „Die Wolken von Sils Maria“ oder „Personal Shopper“ gesegnet waren. Stattdessen ist alles, was wir bekommen, ein von Anfang an ziemlich durchschaubares Konfliktszenario, das nur deshalb vonstattengehen kann, weil sich die beiden zentralen Figuren überraschend dämlich verhalten. Eva Green („Die Insel der besonderen Kinder“) legt ihre Elle zwar derart faszinierend und undurchsichtig an, dass das wachsende Interesse Delphines an ihrer Person nachvollziehbar ist. Doch die vorsichtige Eskalation der Ereignisse resultiert vor allem daraus, dass die eigentlich als ziemlich smart etablierte Delphine die krassen Gefühls- und Wutausbrüche ihrer neuen Freundin nicht ernst nimmt. Wenn die Geschehnisse im letzten Drittel schließlich völlig aus dem Ruder laufen, möchte man Delphine unweigerlich zurufen, es ihr die Folgen ihres blinden Vertrauens von Anfang vorgehalten zu haben; und Elle kann man zu ihrem konsequent vollzogenen Plan bei so einem einfachen Opfer noch nicht einmal beglückwünschen.

Die Art, wie Polanski die auf dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan (ja, die Autorin hat ihre Hauptfigur nach sich selbst benannt!) basierende Geschichte auf die Leinwand bringt, gleicht inszenatorisch einem Understatement. Vor allem visuell mangelt es „Nach einer wahren Geschichte“ an Höhepunkten, die ausgleichen könnten, was das wenig spannende und noch weniger dramatische Thrillerdrama auf erzählerischer Ebene verschleppt. Selbst hinter der betonten Nichtauflösung der Frage, ob Elle nun real ist, oder nur Einbildung, vermutet man keinen Zweck, sondern erahnt fast schon so etwas wie Faulheit. Der Betonung der sich sukzessive verschiebenden Machtverhältnisse hat Polanski schlicht nichts mehr hinzuzufügen. Olivier Assayas hat in seinen Filmen schon mehrmals den Minimalismus zum Konzept gemacht, dafür aber immer auch starke Geschichten und Charaktere in den Mittelpunkt gerückt. „Nach einer wahren Geschichte“ mangelt es an alldem und ist trotz der spannenden Ausgangslage, des Casts und der Regie erstaunlich nichtssagend.

Antje Wessels